Altötting ist eine kleine, malerische bayerische Stadt im Südosten Deutschlands, die seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Europas zählt. Im Herzen der Stadt erhebt sich die berühmte Gnadenkapelle mit dem wundertätigen Gnadenbild der Schwarzen Madonna – der Gottesmutter von Altötting. Über Jahrhunderte hinweg führte der Weg unzähliger Pilger hierher. Aber auch Fürsten, Könige und Kaiser suchten diesen Ort auf, um Maria ihre Sorgen und Gebete anzuvertrauen und vor ihr wichtige Entscheidungen zu bedenken.
Die Geschichte Altöttings ist jedoch weitaus reicher, als es die beschauliche Größe der Stadt vermuten lässt. Dieser Ort wurde zum Schauplatz und stillen Zeugen von Ereignissen, in denen sich über Jahrhunderte hinweg die Schicksale Bayerns, Polens und Europas miteinander verflochten. Besonders bemerkenswert ist jene historische Verbindung, die Altötting mit den Ereignissen im Vorfeld der Befreiung Wiens, mit dem polnischen König Johann III. Sobieski und dem bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel verbindet.
Im März 1681 trafen Kaiser Leopold I. und der junge bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel in Altötting zusammen und besuchten am 9. März gemeinsam die Gnadenkapelle. Bei diesem Treffen wurden die Grundlagen für ihr Bündnis gegen die Osmanen vereinbart.
Der Tag blieb nicht nur wegen der politischen Ereignisse in Erinnerung. Starker Regen setzte den Kapellenplatz unter Wasser, sodass für die hohen Herrschaften hastig Holzbretter ausgelegt werden mussten. Zum Abschied schenkte Leopold I. dem jungen Max Emanuel einen mit Diamanten besetzten Degen – ein kostbares Zeichen der Verbundenheit und seines künftigen Einsatzes an der Seite des Kaisers.
Noch ahnte der junge Kurfürst nicht, dass er nur zwei Jahre später vor Wien seinem künftigen Schwiegervater, dem polnischen König Jan III. Sobieski, begegnen würde.
Auf dem Kahlenberg bei Wien wurde am 12. September 1683 Geschichte geschrieben. Seit dem 14. Juli belagerte der osmanische Großwesir Kara Mustafa mit mehr als 100.000 Mann die Stadt. Kaiser Leopold I. war mit seinem Hof nach Linz geflohen.
Papst Innozenz XI. rief den polnischen König Jan III. Sobieski mit den Worten „Mein Sohn, rette Europa, rette das Christentum!“ zur Hilfe. Am 3. September 1683 trafen sich die Befehlshaber der Verbündeten zu einem Kriegsrat in Stetteldorf am Wagram. Sobieski erhielt das Oberkommando über die vereinten polnischen, kaiserlichen, bayerischen und weiteren Truppen zur Befreiung Wiens.
In den frühen Morgenstunden des 12. September, gegen 4 Uhr, feierte der päpstliche Legat Marco d’Aviano auf dem Kahlenberg die heilige Messe und erteilte den Feldherren den Segen.
Eine Stunde später, gab der polnische König den Angriffsbefehl: „Lasst uns gegen den Feind ziehen! Gott wird uns helfen und Maria uns beistehen!“
Von den Höhen des Kahlenbergs aus leitete der tiefgläubige Sobieski die Schlacht. Auf seiner Rüstung trug er einen Ryngraf mit dem Bild der Gottesmutter von Tschenstochau, der er den Ausgang der Schlacht anvertraute.
Seine Taktik zeigte Wirkung: Unter dem Druck der verbündeten kaiserlichen und bayerischen Truppen verstärkte Kara Mustafa das Zentrum und die linke Flanke mit Janitscharen und schwächte dadurch seine rechte Seite.
Als Sobieski den entscheidenden Moment erkannte, führte er persönlich am späten Nachmittag rund 20.000 polnische Elitereiter zum Angriff. Der Vorstoß der Husaren durchbrach die osmanischen Linien und leitete deren Zusammenbruch ein – Wien war gerettet.
Sobieski wurde auf den tapfer und unerschrocken kämpfenden Maximilian II. Emanuel aufmerksam. Der „Blaue Kurfürst“ kämpfte selbst mitten im Schlachtgetümmel, statt abseits Befehle zu geben. Was damals noch niemand ahnte: Maximilian Emanuel sollte wenige Jahre später sein Schwiegersohn werden. Nach dem Sieg ließ Jan III. Sobieski Papst Innozenz XI. seine berühmte Botschaft übermitteln: „Venimus, vidimus, Deus vincit“ – „Wir kamen, wir sahen, Gott siegt.“ Marco d’Aviano überbrachte dem Papst die Nachricht und die erbeutete Fahne des Propheten Mohammed nach Rom.
In der St.-Joseph-Kirche auf dem Kahlenberg, die sich seit 1906 in polnischer Hand befindet, erinnern monumentale Ölgemälde von Jan Henryk Rosen an die Ereignisse von 1683 – ein beeindruckendes und in Bayern weitgehend unbekanntes Zeugnis dieser Geschichte. Die Bilder befinden sich an dem Ort, an dem vor der Schlacht der Gottesdienst gefeiert wurde. Eine Szene zeigt Sobieski kniend vor dem Altar bei der Messe mit Marco d’Aviano – nicht als König, sondern als Diener Gottes. Hinter ihm stehen Karl von Lothringen, Maximilian II. Emanuel in Blau und der polnische Kronprinz Jakob, Sobieskis Sohn.
Da staunte der polnische König, als einige Jahre später bayerische Gesandte im Auftrag Maximilians II. Emanuel nach Warschau kamen, um die Hand seiner Tochter Therese Kunigunde zu werben. Vor den versammelten Gesandten lobte Sobieski erneut den Mut und die Tapferkeit, die der bayerische Kurfürst bei der Befreiung Wiens gezeigt hatte. 1694 wurde die Ehe mit Therese Kunigunde in Warschau per procura geschlossen. Die persönliche Trauung fand am 2. Januar 1695 in Wesel am Niederrhein statt.
Die Verbindung zwischen Maximilian II. Emanuel und Therese Kunigunde sollte schon bald weit über eine Familienbeziehung hinausreichen. Nach dem Tod Jan III. Sobieskis im Jahr 1696 galt der bayerische Kurfürst als einer der ernsthaftesten Kandidaten für die polnische Krone. Er verzichtete jedoch auf eine offene Bewerbung und wandte sich zunehmend der spanischen Erbfolge zu.
So schließt sich ein bemerkenswerter Kreis: Was 1681 in Altötting mit dem Bündnis zwischen Kaiser Leopold I. und dem jungen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel begann, führte 1683 zur Befreiung Wiens und später zur Verbindung der Häuser Bayern und Polen. Diese Verbindung blieb auch Altötting erhalten: Das Herz von Maximilians und Therese Kunigundes Sohn, Kaiser Karl VII (Karl Albrecht von Bayern), wurde nach seinem Tod 1745 in der Gnadenkapelle beigesetzt.
Text und Foto: Andreas Bialas
Auf dem Foto: ein Gemälde von Jan Henryk Rosen in der St.-Joseph-Kirche auf dem Kahlenberg bei Wien.
