Wo Erinnerung zu Freundschaft wird

Projekt WesterplatteImmer wiederkehrend war derselbe Gedanke: Gemeinschaft! Die Geschichte der Halbinsel Hel ist von ihm geprägt. Ob beim Widerstand im Zweiten Weltkrieg, in den traditionellen kaschubischen Fischerreigesellschaften oder im heutigen Leben auf der Halbinsel zeigt sich die Bedeutung von Zusammenhalt. Im Laufe der Austauschwoche vom 7. bis zum 13. Juni 2026 zwischen dem Immanuel-Kant-Gymnasiums Lachendorf und der ZSO Hel („Zespół Szkół Ogólnokształcących w Helu”), wurde uns dieser Gedanke immer greifbarer, da wir die Geschichte nicht nur theoretisch, sondern auch mit Blick auf die Zukunfterleben und erforschen konnten. Organisiert wurde dies mithilfe des Deutsch-Polnischen-Jugendwerks (DPJW), welches sich für die internationale Begegnung von Jugendlichen aus Polen und Deutschland einsetzt, um die Freundschaft der beiden Länder zu stärken. Das DPJW arbeitet schon seit 1991 daran Sprachbarrieren zu überwinden und Jugendlichen somit internationale Begegnungen näherzubringen. Anlässlich dieser 35 Jahre der Arbeit fand am 11. Juni auch eine Jubiläumsfeier in Warschau statt, welche sowohl bereits vollendete Projekte aber auch nochkommende zelebrierte. Unser Austausch befasste sich genauer mit dem Thema „Wege zur Erinnerung“ oder auf Polnisch „Zachować pamięć”. Die Schülerinnen und Schüler beider Schulen vertieften dabei, beispielsweise durch Museumsbesuche, ihr Wissen zum Zweiten Weltkrieg. Hel spielte nämlich eine wichtige Rolle im Zuge des Angriffs Deutschlands auf Polen, welcher am 1. September 1939 begann. Der Kampf um die Halbinsel Hel begann nur acht Tage später und dauerte jedoch ganze 32 Tage.Und das, obwohl der Militärhafen in Hel nur elf Jahre zuvor in Auftrag gegeben und erst drei Jahre vor Kriegsbeginn die Halbinsel zur Befestigungszone „Helski Rejon Umocniony“ erklärt wurde. Obwohl die deutschen Streitkräfte militärisch deutlich überlegen waren, hielt die Helüber einen Monat lang stand. Während große Teile der polnischen Küste, wie die Westerplatte, Danzig oder Gdynia bereits besetzt waren, blieb Hel der letzte Ort des Widerstands an der Ostseeküste.Im Verteidigungsmuseum Hels erinnert auch heute noch der Grundriss von einer der vierfesten Kanonen, welche jeweils mit mindestens 21 Matrosen operiert wurden, an diese Zeiten. Hier wird Geschichte der Verteidiger und ihres Widerstands bis heute lebendiggehalten und weitergetragen.

Das Museum ist dem Kommandanten Zbigniew Przybyszewski gewidmet, welcher den militärischen Widerstand in Hel mit großer Hingabe führte. Vom Museum wird er auch als Hel-Held beschrieben. Am 2. Oktober 1939 kapitulierte er mit seiner Mannschaft, da sie vom Festland und somit auch von der notwendigen Versorgung abgeschnitten waren. Für diese beeindruckende, standhafte Verteidigung war jedoch nicht nur die günstige Lage der Halbinsel Hels, sondern auch die starke Moral sowie Zusammenhalt der Besatzung verantwortlich. Eine weitere Form des Zusammenhalts lernten wir staunend im Museum für Fischerei in Hel kennen. In diesem Museum faszinierte uns die traditionelle kaschubische Fischerei und die gebildeten Fischereigesellschaften. Diese bestehen bis heute und ermöglichen der Gemeinschaft Inklusion und einegleichmäßige Arbeitsteilung. Somit gab es in Hel zwar keine “Superreichen” dafür jedoch auch keine Armen; es entstand ein von Unterstützung und Gleichheit geprägtes Zusammenleben. Durch das Teilen der ihnen zur Verfügung stehenden Mittel konnten sich die Fischer besseres Inventar leisten und dadurch effizienter arbeiten. Sie zeigt eneindeutig welchen Wert Solidarität und Gleichheit für eine Gemeinde haben. So durften wir als Schüler uns nach diesem Grundsatz Gedanken machen, wie wir der Gemeinschaft etwas zurückgeben können. Die Geschichte der Fischerei blieb für uns nicht nur ein theoretisches Konzept. Bei einer Besichtigung traditioneller und moderner Fischerboote erhielten wir Einblicke in die Entwicklung eines Handwerks, das die Region Hel bis heuteprägt. Die Bootstour mit einem alten Fischerboot nach Puck, bei welcher wir wilde Robben zu sehen bekamen, stellte sich dabei als ein besonderes Highlight heraus.Über die Woche sind wir selbst als Gruppe wie eine kleine Fischergesellschaft zusammengewachsen, wie es auch am letzten Abend von Frau Małgosia herzlich ausgesprochen wurde.Dieses Miteinander begleitete uns den gesamten Austausch über. Ganz gleich,ob es das gemeinsame Genießen der Sonne, des Meeres und des Strands oderauch das gemeinsame Tüfteln an Aufgaben sowie Erkunden der Geschichte war. Auch die in Hel angelegte Robbenauffangstation durften wir besuchen. Hierwurde erneut deutlich, wie wichtig gemeinsames Handeln ist. Der Schutz der Ostsee und ihrer Tierwelt ist eine Aufgabe, die Ländergrenzen überschreitet und nur gemeinsam bewältigt werden kann. Durch praktische Begegnung und direkte Erfahrung können wir diese wichtigen Projekte am besten angehen. Die deutsch-polnische Begegnung hält einen besonderen Platz in unserem Herzen und war nicht nur lehrreich, sondern brachte auch wertvolle neue Begegnungen und Freundschaft. Aus zwei Schulgruppen aus unterschiedlichen Ländern entstand eine Gemeinschaft, die gemeinsam lernte, arbeitete und sich freute ihre Zeit miteinander zu verbringen.

Der Austausch zeigte uns, dass Zusammenhalt nicht nur etwas ist, woran man sich erinnert, sondern etwas, das immer wieder neu entsteht. “Die deutsch-polnische Freundschaft blüht!” gab auch Noée Lechner, Teilnehmerin des Projekts, abschließend noch einmal das Motto des Autausches wieder. Eine treffende Formulierung, denn am letzten  Abend wurde ein letztes Mal in der Schule zusammen gegessen und eine zukünftige Planung erneuter Besuche vorgeschlagen und unter Umarmungen begrüßt. Nun bleiben also neue Erinnerungen, welche uns deutsche und polnische Schüler und Schülerinnen verbinden. Und während wir der vergangenen Geschichte gedenken und über sie lernen, sind wir auch dafür verantwortlich neue Geschichte zu schreiben und diese neue Blüte der Freundschaft am Leben zu erhalten und zu pflegen: “Remember and build that new world!” wie es auch Zofia Delest zusammenfasste. Schlussendlich wurde aus dem Projekt auf der polnischen Halbinsel Hel für unszugleich nicht nur ein “Weg der Erinnerung”, sondern auch ein Weg zur Freundschaft.

Andreas Moser