In der Warteschlange zur Oder

Projekt OderbruchDie deutsch-polnische Geschichte ist leider vor allem durch negative Ereignisse geprägt, sodass die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen jahrhundertelang durch Misstrauen, Kämpfe und Kriege und Stereotype auf beiden Seiten geprägt worden ist. Spätestens mit dem Fall des Eisernen Vorhanges hat sich dies nun offensichtlich entscheidend gewandelt, praktizieren beide Nationen doch mittlerweile einen regen Austausch untereinander, der vielfach durch Neugier und Interesse an dem jeweils anderen geprägt ist. Zwar mögen Stereotype auch heute weiterhin bestehen, jedoch sind diese vielfach durch Wertschätzung ersetzt worden. So ist der Ruf polnischer Handwerkskunst in Deutschland legendär, dies übrigens bereits schon seit den 70er Jahren, gehören polnische Restaurateure doch zu den nachweislich besten der Welt. Und die Verlässlichkeit und Innovation deutscher Technik ist in Polen heißbegehrt.

Dieses Jahr nun jähren sich die offiziellen politischen Beziehungen zwischen beiden Staaten zum 35. Mal, ein Ereignis, das gebührend gefeiert werden muss. Aus diesem Grund hat sich der Verein für interkulturelle Projekte V.I.P. e.V. Braunschweig mit einer bunt gemischten Gruppe aus Deutschen und Polen zu den Pfingstfeiertagen auf den Weg in das deutsch-polnische Grenzgebiet begeben, um sich mit der Geschichte beider Nationen zu befassen und geschichtsträchtige Orte auf beiden Seiten der Oder zu besuchen.

So machte sich diese illustre Gruppe am Pfingstsamstag mit mehreren Autos auf den Weg und fuhr zunächst nach Wriezen auf das wunderschöne klassizistisch-barocke Schlösschen Altranft, wo weitere Ausflugsteilnehmer zu ihnen stießen. Hier war nicht nur das Schloss selbst und einige in den originalen historischen Zustand zurückversetzte Bauernhäuser zu entdecken, sondern auch eine Ausstellung, welche die interessante geografisch-geologische Lage des Oderbruchs thematisierte. Neben einem Drei-D-Modell des Bruches, an dem vor allem dessen Höhenunterschiede von bis zu 100 Meter sichtbar wurden, faszinierte vor allem auch ein ca. 5 m² großes Modell, das die Überflutungsflächen mittels Kugeln und ausfahrbaren Wehranlagen zeigte, sodass ein Eindruck von den komplizierten technischen Voraussetzungen des Gewässer- und Überflutungsschutzes gewonnen werden konnte. Es wurde damit deutlich, welch interessante und einmalige Landschaft sich beide Nationen teilen. Diese Gemeinsamkeit wurde dann durch die zweite Ausstellung noch intensiviert, die das Thema „Nachbarschaft“ hatte. Hier konnte entdeckt und hinterfragt werden, was Nachbarschaft ist, was sie dem Einzelnen bedeutet und dass quasi kein Mensch ohne eine solche Sozialbeziehung zu leben im Stande ist. Auch dieses Erlebnis faszinierte die Gruppe, spiegelte es doch ihre eigene Situation wider.

Weiter ging es danach in das kleine pitoreske Städtchen Bad Freienwalde, dessen Altstadt zum Bummeln einlädt und wo die erste kleine Havari die Gruppe überraschte: Der lebenshungrige und weltneugierige Künstler Czesław Gołebiewski, Leiter des Theater Gdanska in Oberhausen, konnte natürlich nicht widerstehen und ging in ein kleines Privattheater, dessen Tür offenstand. Während er noch die Bühne und die Bilder an den Wänden bewunderte, schloss die Besitzerin allerdings das Theater ab, sodass er erst einige Zeit später durch Intervention seiner Frau Maria wieder aus seiner unfreiwilligen Gefangenschaft befreit werden konnte.

Noch war die Gruppe jedoch noch nicht an ihrem eigentlichen Zielort angelangt, zudem es jetzt weiterging: ein altes Gutshaus in der Nähe der kleinen Stadt Cedynia. Dieses im klassizistischen Stil von einem deutschen Adligen Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gutshaus verfügt über 100 ha Fläche, auf dem ein Gestüt und zahlreiche Tiere untergebracht sind, u.a. auch Alpakas und ein Kamel. Diese exotischen Tiere fanden ihren Weg auf das Grundstück im Zuge eines letztmaligen Besitzerwechsels. Zuvor war besagter deutscher Adlige von den Nationalsozialisten 1936 enteignet worden, weil diese das Haus strategisch nutzen wollten. 1945 verließen sie es dann auf der Flucht vor der Sowjetarmee und es ging in die Hände der Volksrepublik Polen über, die es zunächst als Sozialgebäude für die sozialistische landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft nutzte, in die das Gut umgewandelt worden ist, bevor das Haus dann für kommunale Wohnungen genutzt wurde. Der jetzige Besitzer erbte das Haus dann von seinem Großvater, der dieses 1994 erwarb und es auch nutzte, um seine umfangreiche Trophäensammlung zu präsentieren, die er im langen Leben als passionierter Jäger erlegt hatte. So sind in dem Haus neben einer Unmenge an Geweihen von Rehen, Hirschen, Gämsen auch eine beträchtliche Anzahl von Wasserbüffeln, Gnus, Antilopen und sogar ein kompletter Bär zu sehen.

In den Pfingstsonntag startete die Gruppe dann nach einem ausgiebigen Frühstück mit Sport, indem die ursprünglich aus Brasilien stammende enorm agile Luci den Teilnehmern Samba beibrachte, dessen Anforderungen vor allem in einer synchronen Arm-Bein-Bewegung besteht. Die Gruppe hatte daran so viel Spaß, dass sie diesen tänzerischen Start in den Tag nun jeden Morgen wählte. Bei dieser Gelegenheit zeigte Luci der Gruppe auch einen wunderbar leichten und lustigen Tanz, den Popo-Tango, den sie als kleines Geschenk zum Geburtstag der Ersten Vorsitzenden des Vereins V.I.P. e.V. Sophie Delest, vorführte und den viele begeistert tanzten.

Nach eine Besichtigung Cedynias am Pfingstsonntag reiste die Gruppe zu dem zentralen Touristenmagneten dieser Region, einem der kulturhistorischen Zentren polnischer Erinnerungskultur: dem Denkmal für die Schlacht bei Cedynia. Im 10. Jahrhundert schlugen die Polen hier eine ihrer erfolgreichsten Schlachten, indem der Bruder Mieszkos I., Czcibor mittels kluger Taktik den Lausitzer Markgrafen Hodo besiegte, der im Auftrag Ottos I. kämpfte, um die altslawischen Stämme tributpflichtig zu machen. Zu dem imposanten Denkmal auf einem Hügel, das von dem polnischen Adler gekrönt wird, führen ca. 200 Stufen, die zu erklimmen schon einige Anstrengung kostet. Errichtet wurde es anlässlich des 1000. Jahrestages der Schlacht im Jahre 1972. Befasste sich die Gruppe bei diesem Besuch mit der Problematik deutsch-polnischer Auseinandersetzungen und Kämpfe, so bot der sich anschließende Besuch der Oderbrücke Bienenwerder ab Siekierki die Möglichkeit, die heutigen Beziehungen zwischen Deutschen und Polen zu reflektieren, die von gegenseitigem Respekt und Freundschaften geprägt sind. Interessant und recht stereotypisch war der Gang über die Oderbrücke von Polen aus: Ein überdimensionales Schild auf polnischer Seite warnte vor der grassierenden Schweinepest, während das erste Schild auf deutscher Seite ein Verbotsschild ist, das …untersagt. So zeigt sich, dass gängige Vorurteile durchaus auch einen wahren Kern haben. Nichtsdestotrotz war der Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein wunderschön.

Abends unternahm die Gruppe dann spielerisch einen Ausflug in das Polen der 80er Jahre, indem sie das vom polnischen Institut für Geschichte entwickelte Spiel „Kolejka“ spielte. Hier muss jeder Mitspieler für ein bestimmtes Event, Kommunion, Geburtstag etc., einkaufen gehen und mittels taktischen Agierens in der Mangelwirtschaft seine Einkaufsliste abarbeiten. Immer wieder wird der Erfolg durch Ereigniskarten vermasselt, wenn regierungskritiker abgeführt werden oder jemand „Pan, tu nie stał!“ („Mein Herr, Sie standen hier nicht!“) schreit und man sich wieder hintenanstellen muss. So lernte die Gruppe spielerisch die jüngste Geschichte Polens aus Perspektive des einfachen Volkes kennen und konnte diese mit den eigenen Erfahrungen in der BRD und der DDR vergleichen.

Als nächstes Ausflugsziel wählte die Gruppe eine Fahrt nach Czachów in die kleine Dorfkirche Unserer Lieben Frau, die deshalb eine kleine Besonderheit in Polen darstellt, weil in ihr bei Sanierungsarbeiten Fresken, vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, gefunden worden sind, welche nicht nur aufgrund des Dargestellten (Teufel, geometrische Figuren), sondern vor allem auch wegen der Naivität ihrer Darstellung bis heute Rätsel aufgeben. Die Gruppe verbrachte fast eine ganze Stunde in der Kirche und studierte und diskutierte interessiert diese Fresken, was sie letztlich nur dank des engagierten und resoluten Einsatzes von Agata Lewandowski konnte. Um die Kirche zu besichtigen, muss nämlich zunächst der Schlüssel organisiert werden, was Agata durch rigoroses Durchfragen bei den Dorfbewohnern schließlich gelang nd der Gemeinderat von Czachów übergab unserer unbekannten polnisch-deutschen Gruppe voller Vertrauen die Schlüssel zur Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Bei der Abfahrt entdeckte die Gruppe etwas, was in Polen eigentlich nicht ungewöhnlich ist, aber wie ein Nachklang zum vorigen Abend wirkte: einen noch aus dem Sozialismus stammenden Sklep, den man in der DDR noch als „Konsum“ kennt. So konnte die Gruppe quasi live „Kolejka“ spielen, indem sie sich in Warteschlange vor der Eingangstür des Ladens positionierte. Besonders lustig war, dass tatsächlich die Ereigniskarten des Spiels bei vielen noch in lebhafter Erinnerung war. Besonders Józef tat sich hervor, indem er sich durch die Schlange nach vorne drängelte und ständig „Pan, tu nie stał!“ rief, was bei allen für große Erheiterung sorgte. Nur hatte niemand die Möglichkeit, ein Kind auszuleihen, um in der Schlange nach vorn gelassen zu werden.

In Moryń am See entspannte die Gruppe letztlich bei sommerlichen Temperaturen im und am Wasser, womit diese interessante und auch lustige Reise zu einem passenden Abschluss gebracht wurde – wäre da nicht noch die stundenlange Rückfahrt gewesen, die nochmals von einem kleinen Abenteuer unterbrochen wurde, denn eines der Autos verlor doch ausgerechnet auf dieser Reise fast seinen Auspuff. Eigentlich wollte die Gruppe auf ihrer Rückfahrt zur Oderüberquerung die Autofähre in Gozdowice nutzen, die aber leider wegen einer Havarie ausgerechnet am Tag der Rückfahrt ihren Betrieb eingestellt hatte. Die netten Monteure, die den Schaden an der Fähre zu beheben versuchten, halfen aber tatkräftig dabei, den losen Auspuff tlw. zu demontieren und tlw. zu befestigen, sodass einer Rückfahrt nach Deutschland nichts mehr im Wege stand, auch wenn diese sich für die Insassen wie eine Po-Massage anfühlte, dröhnte der kaputte Auspuff doch fürchterlich. So hatten diese Teilnehmer auf der Rückfahrt ihren ganz eigenen Popo-Tango!

Insgesamt war diese interessante und lustige Reise für alle Teilnehmenden ein voller Erfolg, lernten sie doch nicht nur interessante Fakten über die polnische Geschichte kennen, sondern lebten gemeinsam die deutsch-polnische Freundschaft. Einstimmig wollen sie ein solches Event im nächsten Jahr wieder durchführen. Mal sehen, wo sie die Reise dann hinführen wird.

Andreas Moser