Erasmus von Rotterdam kennt heute in Europa eigentlich jeder Student – vor allem wegen des Studien-Programms der Europäischen Union „Erasmus“ und Stipendien. Aber schon in der Zeit der Renaissance und des Humanismus war Erasmus in Polen (16. Jahrhundert) mit solchem Ruhm umgeben, er besaß so eine Autorität, dass er fast verehrt wurde. Nach Basel, wo er viele Jahre lebte, pilgerte der polnische Adel, Magnaten, staatliche und kirchliche Würdenträger, und nicht zuletzt Studenten, Professoren und Schriftsteller. Aber diese Liebe war auch gegenseitig. Erasmus schätzte den polnischen Beitrag für die europäische Kultur sehr hoch ein, insbesondere das polnische demokratische System, die herrschende religiöse Toleranz und die persönliche Freiheit. Er empfing auch gerne bei sich in Basel die durchgereisten Polen, die oft bei ihm übernachteten bzw. bei ihm für längere Zeit blieben.

Aber beginnen wir mit einer Einführung über den Meister selbst. Geboren in Rotterdam um 1467, besuchte er zuerst Schulen in niederländischen Städten – Gouda, Utrecht und Deventer (hier u.a. als Schüler des berühmten Humanisten Rudolf Agricola). Im Jahre 1492 wurde er zum Priester geweiht und diente zuerst im Kloster in Cambrai (heute Department Nord-Pas-de-Calais in Nordfrankreich). In den Jahren 1495-1499 studierte er an der Pariser Universität Sorbonne. Dann lebte er einige Zeit in England, wo er sich u.a. mit dem berühmten Thomas Morus (Autor von „Utopia“) anfreundete. In den Jahren 1506-1509 studierte er an der Universität Turin, wo er den Doktortitel erwarb. Anschließend kehrte er wieder nach England zurück, wo er an der Universität Cambridge Griechisch lehrte. Aber am liebsten und am längsten lebte er in Basel, wo er in den Jahren 1514-1529 wirkte. Nach dem Ausbruch der Reformation in Basel zog er in das nachbarliche Baden um, wo er in den Jahren 1529-1535 in Freiburg lebte. Dort können wir noch heute die Häuser bewundern, wo der große Philosoph lebte (Haus „Zum Walfisch“ und Haus „Zum Kindlein Jesu“). Im Jahre 1535 kehrte Erasmus nach Basel zurück und blieb dort bis zum Ende seines Lebens. In Basel druckte er auch die meisten seiner Werke (bei Johannes Froben), dort lernte er auch seinen Lieblingsschüler kennen, Jan Łaski (in Westeuropa bekannt als Johannes a Lasco). An dieser Stelle sind wir zu dem eigentlichen Thema gekommen: Polen in Basel, bei Erasmus.

Der erste bekannte Gast aus Polen bei Erasmus in Basel war Jost Ludwik Decius – Historiker, und Sekretär des Königs Sigismund des Alten. Er war unterwegs in einer politischen Mission, diesmal in Neapel, als Gesandter der Mutter der polnischen Königin Bona Sforza – Isabella I. und machte in Basel einen Zwischenstopp. Es war im Jahre 1522. Zwischen Decius und Erasmus war es der Anfang einer langen Freundschaft. Erasmus widmete Decius ein Buch und in den nächsten Jahren führten sie eine rege Korrespondenz. Fünf Monate lebte bei Erasmus ein anderer Pole – Jan Antonius, der im Jahre 1524 nach Basel kam, auf dem Rückweg in die Heimat nach seinem Medizinstudium in Padua. Auch ihm widmete Erasmus ein Buch. Noch in gleichem Jahr kam Wojewode von Sieradz zu Erasmus – Hieronim Łaski, der Bruder des berühmten Reformators Jan Łaski. Auch ihm widmete der Meister ein Buch.
Jedoch die persönlichsten und engsten Kontakte knüpfte Erasmus eben mit Jan Łaski, dem späteren Reformator Frieslands – bekannt unter dem Namen Johannes a Lasco. Jan Łaski kam 1525 nach Basel, auf der Rückfahrt aus Paris. Er blieb ein halbes Jahr in Basel, und wohnte bei dem Meister. Die beiden verbanden ähnliche Ansichten: einerseits die Bewunderung des Humanismus, und andererseits die erzieherische und reformatorische Sendung. Beide sahen Fehlentwicklungen innerhalb der katholischen Kirche, aber gleichzeitig waren sie gegen den Radikalismus Luthers und gegen seine Negation des menschlichen freien Willens. Łaski wurde zwar später selbst Protestant – Kalvinist, aber Erasmus, der selbst sehr scharf die katholische Kirche kritisierte, blieb Rom treu. Trotz der doktrinären Unterschiede verband die Beiden eine hohe persönliche Kultur und philosophische Sichtweise. Dank Łaski knüpfte Erasmus auch zahlreiche Kontakte mit (reichen) Polen, die ihn oft finanziell unterstützten. Im damaligen Polen herrschte beinahe ein „Fanatismus“ bezüglich der Person Erasmus von Rotterdam. Seine Werke, in einem schönen Stil geschrieben, auf dem höchsten intellektuellen Niveau, bestückt mit intelligentem Humor, mit mutigen aber philosophisch-klugen Ansichten, waren für unsere Vorfahren wahre „Bestseller“. Deshalb, wer nur konnte (oder genauer gesagt, wer sich es leisten konnte), besuchte den Meister persönlich in Basel oder versuchte mindestens einem Briefkontakt mit ihm anzuknüpfen. Dank Łaski begann Erasmus u.a. mit dem Großen Kronkanzler Krzysztof Szydłowiecki zu korrespondieren und widmete ihm auch eines seiner Bücher. Johannes a Lasco lebte ein halbes Jahr bei Erasmus. Man muss noch zufügen, dass das damalige Basel, neben Straßburg, eines der größten Zentren des Humanismus nördlich der Alpen und auch eines der Zentren des europäischen Buchdrucks war. Schon im 15. Jahrhundert druckte man hier Werke polnischer Autoren, u.a. von Jakub z Paradyża (Zisterzienser aus Mogiła bei Krakau) und Marcin Polak (Dominikaner, Erzbischof von Gnesen). Im 16. Jahrhundert wurden hier 23 Werke der polnischen Autoren herausgegeben, u.a. von Maciej Miechowita, Jan ze Stobnicy, Erazm Ciołek, Jan Dantyszek und Józef Struś.
Um den großen Philosophen finanziell zu unterstützen, kaufe Łaski die berühmte Bibliothek von Erasmus, die er ihm aber großzügig bis zum Ende seines Lebens zur Verfügung stellte. Die Summe die Łaski damals für die Büchersammlung bezahlte, war nicht gering – 400 Gulden in Gold (also so viel, wie damals ein Universitätsprofessor in einem ganzen Jahr verdiente). Erst nach dem Tod von Erasmus (1536) schickte Łaski den berühmten Andrzej Frycz-Modrzewski nach Basel, um die Buchsammlung – laut Testament und Vertrag – nach Polen zu holen.
Im Jahre 1527 schrieb Erasmus einen Brief an den polnischen König Sigismund den Alten, in welchem er ihn mit Salomon verglich und ihn „den größten Herrscher des Jahrhunderts“ nannte! Im Jahre 1528 kam der nächste Gast aus Polen zu Erasmus – Andrzej Zebrzydowski (der spätere Krakauer Bischof), u.a. um bei dem Meister Griechisch und Latein zu lernen. Ein anderer Pole – Marcin Dąbrowski, der zusammen mit Zebrzydowski reiste, blieb für einige Zeit als Sekretär bei Erasmus. Im Jahre 1529 widmete Erasmus sein nächstes Buch (neue Ausgabe von Seneca „Opera“) dem Kanzler Piotr Tomicki. Die letzte Widmung für die Polen fand im Jahre 1532 statt und galt dem Poeten und Diplomaten – Jan Dantyszek.
Zusammenfassend muss man diese besondere Beziehung Erasmus zu Polen und zu den Polen nochmal betonen. Er widmete acht seiner Bücher den Polen, und wir kennen noch mindestens 40 Briefe, die Erasmus an Polen schrieb. Eine besondere Auszeichnung war ein Anerkennungsschreiben des Meisters an die polnische Nation, die sich im Buch „Precatio Dominica“ befindet (gedruckt 1523 bei Johannes Froben in Basel). Der „Fürst der Humanisten“ gratuliert dort den Polen „einer herrlichen Entwicklung im Bereich der freien Wissenschaften, der Rechtswissenschaft, der Ethik und der Religion, und betont, dass heute Polen unter dem Aspekt der Kultur zu den am höchsten entwickelten Staaten der Welt gehört“.

Jerzy Ziaja

Fotos:
Erazm z Rotterdamu (obraz Holbeina mł., 1523)

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