Ich schreibe diesen Text am Montag, den 11.07.2022. Heute ist ein besonderer Tag für die deutsche Energiewirtschaft und vielleicht ein entscheidender Tag dafür, wie wir den kommenden Winter in Deutschland überstehen werden. Heute beginnen die Wartungsarbeiten an der Gaspipeline Nord Stream 1. Die deutsche Regierung, Industrieverbände, aber auch die Bürgerinnen und Bürger beobachten diese Arbeiten mit großer Sorge. Zu Beginn sei daran erinnert, dass der Transport der Pipeline bereits auf 40 % der üblichen Kapazität reduziert ist, da die Siemens-Turbinen, die aufgrund der Sanktionen gegen Russland in Kanada gewartet wurden, erst heute nach Deutschland geschickt wurden.

Was wird Putin tun?

Angesichts der schweren Wirtschaftssanktionen eines Großteils Europas und der USA droht Russland mit einem Abbruch der Energielieferungen. Sie hat bereits die Gaszufuhr zu vielen von ihnen reduziert, was die Gaspreise in die Höhe getrieben hat. Die Europäische Union plant, bis Ende 2022 zwei Drittel des russischen Gases zu ersetzen, aber einige Experten halten diesen Plan für zu optimistisch, um erfolgreich zu sein. Die Frage, die sich in Deutschland stellt, lautet: Wird die routinemäßige Wartung der Nord Stream 1-Pipeline "zu einem langfristigen politischen Instrument"?
Das sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, in einem Interview mit der Funke Mediengruppe. Jeder in Deutschland befürchtet, dass Putin wieder einmal das altbekannte Muster wiederholt, die Gaslieferungen unter dem Vorwand von z.B. technischen Problemen zu reduzieren und nie wieder zum vertraglich vereinbarten Volumen zurückzukehren.

Kalte Dusche

Der Minister für Wirtschaft und Klima, Robert Habeck, sagte in einem Interview mit der Tagesschau, er hoffe auf weitere Lieferungen aus Russland, aber was die russische Seite tun werde, wisse niemand und das werde sich erst zeigen, wenn die Wartungsarbeiten, die normalerweise etwa zehn Tage dauern, abgeschlossen seien. So kommentierten die deutschen Medien: "In dieser Zeit sind wir in Putins Gewalt". Hoffen wir, dass wir uns nicht mehr lange in seiner Gewalt befinden, denn legt Putin nicht manchmal einfach die Karten auf den Tisch, indem er "Schach" sagt?
Wenn Russland den sprichwörtlichen Gashahn nicht wieder zudreht, wenn der Gasfluss aus Russland "für einen längeren Zeitraum reduziert wird, müssen wir ernsthafter über Einsparungen reden", räumte Habeck ein. Derzeit sind die deutschen Gasspeicher zu etwa 64 Prozent gefüllt, und das reicht nicht aus, um bei normalem Verbrauch durch den Winter zu kommen.

Was bedeutet das?

Noch weiß niemand genau, was das bedeutet. Die Stadt und das Land Hamburg haben bereits angekündigt, dass sie im Falle eines Gasmangels Warmwasser rationieren werden. Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) schloss in einem Interview mit der "Welt" eine Beschränkung des Warmwassers für Privathaushalte in der Stadt nicht aus. In Hamburg ist es aus technischen Gründen nicht möglich, zwischen gewerblichen und privaten Anschlüssen zu unterscheiden.

Rationalisierung in der Industrie vor den Haushalten

Die Bundesnetzagentur denkt anders und würde zunächst die Versorgung der Industrie reduzieren. Nach europäischem Recht, so Müller, müssten Privathaushalte ebenso wie Krankenhäuser oder Pflegeheime besonders geschützt werden. Ein Zustand, in dem die privaten Haushalte ohne Gas sind, wird in den Szenarien zwar unbedingt vermieden, kann aber nicht völlig ausgeschlossen werden.
"Wenn es um Rationierung geht, müssen wir zuerst den Verbrauch im industriellen Sektor reduzieren", sagt Müller. Müssten jedoch Industrieunternehmen von der Gasversorgung abgeschnitten werden, "würden wir uns von den wirtschaftlichen Schäden, den sozialen Folgen und den technischen Anforderungen an den Betrieb des Gasnetzes leiten lassen". - bestätigte er.
Zu diesem Zweck will die Bundesnetzagentur die Daten der größten industriellen Verbraucher auf eine IT-Plattform übertragen, die erst im Herbst zur Verfügung stehen wird - zu spät! Bei einer Entscheidung über einen Lieferstopp kommt es auch darauf an, welche Unternehmen als systemrelevant eingestuft werden. Müller erhält Briefe von Unternehmen aus allen Branchen, die sich alle als systemrelevant bezeichnen. Seiner Meinung nach "müssen wir in kritischen Bereichen, wie Teilen der Lebensmittel- und Pharmaindustrie, sehr vorsichtig sein". Produkte und Angebote, die dem Freizeitbereich zuzuordnen sind, haben dagegen einen eher geringen Stellenwert. "Schwimmbäder gehören wahrscheinlich nicht zum kritischen Bereich, genauso wenig wie die Herstellung von Schokoladenkeksen". - sagt Müller. Für uns normale Bürger würde dies kalte Schwimmbäder und teure Süßigkeiten in den Regalen der Geschäfte bedeuten.

Das optimistische Szenario

Ein Szenario, in dem Gas aus Russland gar nicht nach Deutschland kommt, wollen die Netzagentur und die Politik jedoch nicht akzeptieren. Ist dies ein Zeichen von Ignoranz, unverbesserlichem Optimismus oder das Ergebnis kalter Marktkalkulation?
Die Benzinpreise in den USA sind bereits auf einem historischen Tiefstand, nachdem sie vor weniger als einem Monat mit durchschnittlich mehr als 5 US-Dollar pro Gallone ein Rekordniveau erreicht hatten. Alles deutet (vorerst) auf weitere Rückgänge in den kommenden Wochen hin. Der Rückgang der Gaspreise ist weitgehend auf die sinkenden Ölförderkosten zurückzuführen. Die US-amerikanische Öl-Benchmark West Texas Intermediate wurde im Juni mit mehr als 120 US-Dollar pro Barrel gehandelt, doch Anfang dieser Woche fiel der Preis unter 100 US-Dollar, da die Befürchtung bestand, dass eine Rezession die Nachfrage dämpfen würde. Dies würde ein abruptes Ende des monatelangen Anstiegs der Öl- und Gaspreise bedeuten, der weitgehend auf eine Kombination aus einem Verbot russischer Ölimporte, reduzierten Raffineriekapazitäten in den USA und langsamen Produktionssteigerungen der OPEC-Länder zurückzuführen ist. Wenn der Trend anhält, könnte es sein, dass Russland jeden verkauften Kubikmeter Gas benötigt.

Pessimistisches Szenario

Wenn das optimistische Szenario nicht eintritt, muss nach Alternativen gesucht werden. Deshalb werden in Deutschland wieder Kohlekraftwerke in Betrieb genommen. Robert Habeck nannte diesen Schritt "schmerzhaft, aber notwendig", schreibt unter anderem der Guardian. Dies ist umso überraschender, als selbst die Grünen die neuen Rechtsvorschriften mit dem Argument unterstützen, dass die Energiekrise bewältigt werden müsse.

Warum dieser unerwartete Wandel in der Haltung der Grünen zur Kohle?

Schauen Sie sich einfach die Fakten an. Im vergangenen Jahr kamen 55 % der deutschen Erdgasversorgung aus Russland. Kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine begann Deutschland jedoch, Gas aus anderen Ländern wie Norwegen, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu kaufen und damit seine Abhängigkeit von russischen Lieferungen um 20 % zu verringern. Andererseits war geplant, die Kohle bis 2030 abzuschaffen, und die derzeit geplante Reaktivierung von Kohlekraftwerken könnte dieses Ziel gefährden. Die beiden Kammern des deutschen Bundestages haben ein Notgesetz zur Reaktivierung stillgelegter Kohlekraftwerke verabschiedet, um die Stromerzeugung angesichts der befürchteten Gasknappheit zu unterstützen. Gleichzeitig wurde jedoch in Deutschland ein Gesetzespaket verabschiedet, das den Ausbau der erneuerbaren Energien unter anderem dadurch fördern soll, dass es sie als Elemente der öffentlichen Sicherheit einstuft.
Umweltorganisationen argumentieren jedoch, dass eine mögliche Rückkehr zur Kohle, d.h. zur Nutzung dieser hochgradig umweltschädlichen Energie, ein zu großer Kompromiss ist und dass Deutschland nicht einmal die grundlegendsten Klimaziele erreichen wird.

Es ist bereits teuer und wird noch teurer werden

Die Haushalte und die Industrie wurden bereits aufgefordert, so viel Energie wie möglich zu sparen. Habeck hat davon gesprochen, seine Duschzeiten zu verkürzen und fordert die Deutschen auf, dies ebenfalls zu tun. Einige Gemeinden haben Maßnahmen ergriffen, um die Straßenbeleuchtung zu reduzieren, die Temperatur von Schwimmbädern zu senken, und einige Wohnungsbaugesellschaften haben sogar begonnen, die Warmwasserversorgung für ihre Mieter zu rationieren. Wie sieht die finanzielle Realität für normale Familien aus? Nun, die Gasrechnungen haben sich bereits verdoppelt und könnten sich über den Winter vervierfachen. "Wir sprechen hier von Erhöhungen, die für manche Familien einem Monatseinkommen entsprechen". - warnte Habeck.

Wie ist es möglich, dass eine so kritische Situation entstanden ist?

Habeck sagte dem Parlament, Deutschland sei eine Geisel der Umstände, aber er macht auch die Energiepolitik der früheren Regierung von Angela Merkel dafür verantwortlich. "Wenn man vor schmelzenden Eisbergen posiert, wenn man die Abkehr von der Atomkraft beschließt, aber vergisst, dass man Infrastruktur bauen muss, wenn man klimapolitische Entscheidungen trifft, diese aber nicht mit Maßnahmen unterlegt, dann ist das so, als würde man Deutschland im Regen stehen lassen." - sagte der Vizekanzler.
Im Regen stehen vor allem wir, die einfachen Bürger. Hoffen wir, dass der Regen aufhört, denn wenn der Winter streng ist und das Gas in Deutschland zu knapp ist und teuer bleibt, dann könnten wir tatsächlich ein Problem bekommen.
In der Zwischenzeit sollten wir den Sonnenschein genießen.

Lukas Soltysiak ala Herr Hamburger
www.herrhamburger.de

 

 

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