"Eine gute Tat ist nicht verloren." (Polnisches Sprichwort) - Angefangen hat alles 2016 mit Gesprächen zwischen Sylwia und einem deutschen Streetworker, der sich um obdachlose Menschen auf den Straßen Hannovers kümmerte. Im Falle der Polen schränkte die Sprachbarriere die ohnehin bescheidene Möglichkeit der Hilfestellung für ihn weiter ein. Sylwia begann, ihn als Dolmetscherin ehrenamtlich zu unterstützen, und gelangte so in den vom Verein SeWo betriebenen Tagestreff Nordbahnhof. Seitdem widmete sie sich in ihrer Freizeit systematisch den in Hannover gestrandeten Polen, die dort verkehrten. Sie überzeugte diese Menschen davon, dass sie bereit und in der Lage ist, ihnen zu helfen, und gewann so ihr Vertrauen, welches sie niemals enttäuscht hat. Im Dezember 2017 lernte sie Grażyna Kamień -Söffker kennen, eine Journalistin, die angesichts des menschlichen Dramas ebenfalls in die Obdachlosenhilfe einstieg. Das war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit. – Es kam vor, dass wir uns mehr als ein Dutzend Mal am Tag anriefen und in irgendeiner dringenden Angelegenheit den Staffelstab weiterreichten, erinnert sich  Grażyna später.

Im Jahr 2018 gelang Sylwia ein Durchbruch. Das hatte mehrere Gründe: sie hatte viel praktische Erfahrung im Umgang mit obdachlosen Menschen gesammelt und einen Überblick über das deutsche Sozialsystem gewonnen. Sie machte sich auch mit gesetzlichen Regelungen vertraut, die Polen mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus betreffen. – Ich schätze Sylwia dafür, dass sie, falls es im Interesse ihrer Schützlinge ist, mit einem charmanten Lächeln  durch das Fenster an den Ort zurückkehrt,  an dem man sie vor die Tür setzte, fügt Grażyna hinzu.

Um den polnischen Obdachlosen wenigstens ein Minimum an materieller, medizinischer und rechtlicher Versorgung zukommen zu lassen, arbeiteten sich die beiden Frauen auch durch das Labyrinth der verstreuten und unkoordinierten deutschen Wohlfahrtsorganisationen. Aus einer Notiz im Radiopodcast Polenflug09 erfahren wir, dass 2018 etwa 40 polnischen Obdachlosen in Hannover geholfen werden konnte, darunter 7 Frauen*. Schon damals gab es eine aktive Gruppe von Menschen, die etliche, oft breit angelegte Hilfsaktionen (z. B. für schwangere Obdachlose) unterstützten, darunter Mitglieder des Literaturkreises Salonik Literacki,  des Verbindungsbüros der Polnischen Vereine in Hannover und Niedersachsen,  von WOśP 2018 und vom Kreis Junge Polnische Familien  bei der  Polnischen Katholischen Mission (PKM). Mittlerweile liegt die Zahl der obdachlosen Polen in Hannover bei über 150. Viele von ihnen haben weder einen Anspruch auf Sozialleistungen, noch ein regelmäßiges Einkommen, so dass sie auf Hilfe von Menschen wie Sylwia angewiesen sind.

Zum Meilenstein in Sylwias Engagement wurde die ebenfalls 2018 initiierte zyklische Sammelaktion zugunsten der obdachlosen Menschen, genannt Osterkörbchen. Laut Sylwia kam sie  durch eine "gebündelte Reaktion" zustande: Grażyna Kamień -Söffker moderierte einen Radiobeitrag über Obdachlosigkeit. Die Sendung brachte Zofia Scierska, die sowohl dem Literaturkreis als auch dem Pfarrgemeinderat der PMK angehörte, auf die Idee, Lebensmittel und später auch Kleidung für obdachlose Menschen zu sammeln, und sie unterbreitete diesen Vorschlag  dem Pfarrer der hannoverschen Gemeinde, Tadeusz Kluba.  In Absprache mit Sylwia unterstützte der Priester anschließend das Projekt mit einem Aufruf an die Gemeindemitglieder und stellte dafür auch die Räumlichkeiten der PKM zur Verfügung. Den passenden Namen für die Aktion erfand Aldona Glowacka-Silberner vom Verbindungsbüro, und Sylwia übernahm die Verantwortung für die Umsetzung des Ganzen. – Die Idee Osterkörbchen war äußerst erfolgreich, erinnert sich Zofia Ścierska, die an der ersten Aktion teilnahm. – So kam ich in Kontakt mit Frau Jasion und ihrer Familie. Ich bin beeindruckt von der Unterstützung, die sie von ihrer Familie erhält. Nicht nur ihr Mann, sondern auch ihre beiden Schulkinder sind in ihre Wohltätigkeitsaktivitäten eingebunden.

Die Aktion Körbchen löste einen regelrechten karitativen "Ansturm" der polnischen Gemeinde in Hannover aus, und der Erfolg von Sylwia Jasions Engagement wurde hier zum Symbol dafür, dass Obdachlosenhilfe möglich und sinnvoll ist. Ihr Motto – man kann nicht die ganze Welt verändern, aber man kann die Welt für einen Menschen verändern – erreichte die Herzen vieler hunderter Familien, nicht nur derer, die der Katholischen Mission angehören. Denn, wie Sylwia immer wieder betont, es geht hier um ein gemeinsames Handeln über alle Grenzen hinweg. Diese Formel wird auch vom Priester Kluba unterstützt. Mittlerweile beteiligen sich Hunderte von Privatpersonen und viele polnische Unternehmer an diesem Projekt. Auch das Generalkonsulat in Hamburg schloss sich ihm an. Es scheint fast, als ob die polnische Community auf eine solche Persönlichkeit wie Sylwia  gewartet hätte –  Ihre Osteraktion Körbchen im Jahr 2018 hat mich persönlich dazu bewegt, einen kleinen Beitrag zu leisten. Und so hatte ich die Möglichkeit, Sylwia bei verschiedenen Unternehmungen zu unterstützen,  sagte Sebastian Weszka vom Kreis Junge Familien,Ich denke auf jeden Fall, dass es  besonders wertvoll ist, Sylwia hier in Hannover zu haben, denn ohne ihre Arbeit hätten wir nicht so viele Menschen in Not erreichen können. Der erwähnte "kleine Beitrag"  stellt übrigens eine beachtliche Hilfe  dar –  neben dem Engagement für die Aktion Körbchen wird vom Kreis Junge Familien allwöchentlich auch ein nahrhafter Eintopf für Obdachlose im Nordbahnhof gekocht und geliefert. Auch die Mitorganisation (zusammen mit Sylwia und Priester Kluba) eines Festmahls zum Heiligabend für Einsame und Bedürftige gehört dazu, im Pandemiejahr 2020 durch die Aktion Weihnachtspäckchen ersetzt.

Das Projekt Körbchen löste in der polnischen Gemeinde in Hannover ein bis heute ungebrochen anhaltendes Engagement für Menschen ohne Obdach aus. Polnische Geschäfte beliefern regelmäßig den Tagestreff Nordbahnhof mit Lebensmittelspenden, und jedes Mal, wenn Sylwia einen Bedarf an zusätzlicher Unterstützung meldet, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer  in unserer Community und ruft einen wahren Spendensegen als Reaktion hervor .

Unterstützt von ihrer Familie, widmete Sylwia Jasion über fünf Jahre ihres Lebens der sozialen Arbeit mit obdachlosen Menschen, überwiegend unseren Landsleuten. Sie hat so viel erreicht, dass wir, die polnische Gemeinde in Hannover,  hoffen, dass polnische Organisationen und Institutionen in Deutschland eine Lösung für die Finanzierung einer Vollzeitstelle für sie finden – damit  Sylwia die Arbeit, die sie wie keine Andere meistert, als Teil einer regulären Berufstätigkeit ausüben kann. 

Teresa Czaniecka-Kufer

* https://www.radiopolenflug09.de/pdcst_grazyna17_18.html

Video: https://www.youtube.com/watch?v=9pLwDNY2z8o

 

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