Wie pandemisch die schwierige Zeit für die Kultur ist, zeigt sich deutlich aus der Perspektive der Weltfilmfestivals, die einst große Feiern des Kinos waren und sich nun wie wir alle in unseren Zimmern verschlossen haben. Das Festival in Cannes ist abgesagt, Venedig fand im letzten Jahr in verkürzter Form statt, und die diesjährige 71. Berlinale versucht, einen goldenen Mittelweg zum Überleben zu finden. Vom 1. bis 5. März konnten sich die Vertreter der Filmindustrie und akkreditierte Journalisten Wettbewerbsfilme ansehen, zu denen sie 24 Stunden lang Zugang hatten. Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die seit letztem Jahr die Berliner Filmfestspiele leiten, hoffen wie wir alle, dass wir im Juni ins Kino gehen können, um die in diesem Jahr ausgezeichneten Filme zu sehen. Die 70. Berlinale im Februar 2020 war die letzte kulturelle Massenveranstaltung in Deutschland vor Ausbruch der Pandemie. Sie endete am 1. März, als bereits die Vorbereitungen für eine weltweite Quarantäne getroffen wurden. Die Berlinale ist eines der größten Filmfestivals der Welt - 300.000 verkaufte Eintrittskarten, 340 Filme im Programm und 3.500 akkreditierte Journalisten aus 82 Ländern der Welt.

In diesem Jahr nahmen 15 Filme am Hauptwettbewerb teil, davon 4 aus Deutschland. Abgesehen von der Präsentation von Jan Komasas neuem Filmprojekt "Sunshine" im Rahmen des rein kommerziellen Teils des Festivals, dem Berlinale Co-Production Market, gab es praktisch keine polnischen Akzente.

Allerdings konnten die bei der 71. Berlinale akkreditierten Journalisten nicht alle neuen Filme online sehen, da die Organisatoren eines jeden Festivals auf der Welt nicht in der Lage sind, einen vollständigen Schutz gegen illegales Kopieren zu gewährleisten. Zwei "Berliner" Filme - die Inszenierung von Erich Kästners Roman "Fabian" unter der Regie von Dominik Fabian und Daniel Brühls Regiedebüt "Nebenan" - konnten die Journalisten deshalb nur in speziellen geschlossenen Kinovorführungen sehen, bei denen sie ihre Handys gegen Pfand abgeben mussten. Geolocation verhinderte auch die Möglichkeit, die amerikanisch-britische Produktion "The Mauritanian" unter der Regie von Kevin MacDonald und mit Jodie Foster in der Hauptrolle, basierend auf einem Tagebuch aus Guantanamo, und die amerikanische schwarze Komödie "French Exit" unter der Regie von Azazel Jacobs und mit Michelle Pfeiffer in der Hauptrolle zu sehen.

Bleibt die Frage, warum keine polnische Filmproduktion auf der diesjährigen Berlinale erschien? Immerhin fand das größte polnische Filmfestival in Gdynia nach mehrmaliger Verschiebung im Dezember 2020 statt, dessen Gewinner Mariusz Wilczyñskis Animationsfilm "Kill it and leave this city" war, der letztes Jahr auf der 70. Berlinale präsentiert wurde.

Zum Trost der polnischen Kinobesucher verlieh die Tschechische Film- und Fernsehakademie am 6. März den tschechischen Löwen in der Kategorie beste Regie an Agnieszka Holland für den Film "Szarlatan", der auch den Titel des besten Films des Jahres gewann. "Der Scharlatan" war die größte Spielfilmproduktion auf der 70. Berlinale 2020, die in Zusammenarbeit mit Polen entstand. Ihr Protagonist ist der tschechische Heiler Jan Mikolášek, der von 1887 bis 1973 lebte und der anhand von Urinproben Krankheiten diagnostizierte und Patienten anschließend erfolgreich mit von ihm zubereiteten Kräutermischungen behandelte. Er war in der ganzen Tschechoslowakei bekannt, aber er betonte immer, dass er weder ein Arzt noch ein Wundertäter sei. Zu seinen Patienten gehörten der englische König Georg VI. und Antonín Zápotocky, der Präsident der Tschechoslowakei, den Mikolášek vor der Amputation seines Beins bewahrte. Holland zeigt Mikolášek einerseits als Genie, das einen so ausgeprägten intuitiven Kontakt zur Natur hat, dass er in der Lage ist, Menschen mit Kräutern zu heilen, andererseits als einen Mann, der sich in seinen gewöhnlichen menschlichen Schwächen verliert. Auf der Pressekonferenz der 70. Berlinale wurde deutlich, wie gut Agnieszka Holland ihre tschechisch-slowakischen Schauspieler versteht und das Klima des Landes spürt, in dem sie als Studentin der Prager FAMU-Akademie der Darstellenden Künste aufgewachsen ist. Die Hauptrolle des charismatischen Heilers spielt der bekannte tschechische Schauspieler Ivan Trojan, die Rolle seines treuen und hingebungsvollen Helfers bis zum Schluss der Slowake Juraj Loj. Die Musik zum Film komponierte Antoni Komasa-Łazakiewicz, der heute in Berlin lebt.

Sowohl Agnieszka Holland, die den Preis in Tschechien entgegennahm, als auch die Gewinner der 71. Berlinale hoffen, ihre Auszeichnungen in diesem Jahr im Rahmen von feierlichen Galas vor Publikum offiziell entgegennehmen zu können. Zum zweiten Teil der 71. Berlinale ist das Publikum vom 9. bis 20. Juni 2021 in die Berliner Kinos eingeladen.

Agata Lewandowski, Berlin

Grafik, https://www.dffb.de

 

Filme, die auf der 71. Berlinale 2021 ausgezeichnet wurden:

Goldener Bär für den Besten Film - "Bad Luck Banging or Loony Porn" ("Babardeală cu bucluc sau porno balamuc", Dir. Radu Jude)

Silberner Bär - Preis der Jury für den besten Film - Ryusuke Hamaguchi für "Wheel of Fortune and Fantasy ("Guzen to sozo")

Silberbär - "Herr Bachmann und seine Klasse" ("Herr Bachmann und seine Klasse", Regie: Maria Speth)

Silberner Bär für die beste Regie - Dénes Nagy für "Natürliches Licht" ("Természetes fény")

Silberner Bär für die beste Hauptdarstellerin - Maren Eggert ("I'm Your Man" ("Ich bin dein Mensch"), dir. von Maria Schrader)

Silberner Bär für die beste Nebendarstellerin - Lilla Kizlinger ("Forest - I See You Everywhere", Dir. ("Rengeteg - mindenhol látlak"), dir. von Bence Fliegauf)

Silberner Bär für das beste Drehbuch - Hong Sangsoo für "Introduction" ("Inteurodeoksye ("Inteurodeoksyeon")

Silberner Bär für künstlerische Leistung - Yibrán Asuad für "Una película de policías" ("A Cop Movie", Regie: Alonso Ruizpalacios)

 

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