Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung haben zwei Polinnen Sophie Delest und Beata Cholewa-Mazurowska ein Theaterstück über die deutsch- deutsche Teilung und Deutschland als Zuwanderungsland heutzutage erarbeitet.

Als 1989 Tausende DDR-Bürger über Prag und Ungarn in die BRD fliehen, fährt Ellen Schernikau in die Gegenrichtung und kommt nach 23 Jahren aus der BRD in ihre Heimat zurück. Sie beantragt die DDR-Staatsbürgerschaft, die sie im Oktober 1989 bekommt. Fünf Wochen später bricht das Land ihrer Sehnsucht zusammen.

Diese unglaubliche Geschichte nahm Sophie Delest als Ausgangspunkt für ihren Text, dass Basis für das Theaterstück „Zwischen den Welten“ diente. Der Koautor ist Andreas Moser, der u.a. bei der Übersetzung der auf Polnisch verfassten poetischen Teile des Gesamtwerkes half. Es war jedoch Beata Cholewa – Mazurowska, die Delest dazu überzeugte, zum Füller zu greifen und die von ihr in Deutschland erlebten, wie auch die in Gesprächen mit anderen Migranten gesammelten Geschichten zu beschreiben. Als die Idee reif war, den entstandenen Text über die Bühne mit der deutschen Gesellschaft zu konfrontieren, lud Delest Cholewa – Mazurowska als die 1. Regisseurin zur Mitarbeit ein. So entstand ein Theaterstück, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was es bedeutet, Grenzen zu überschreiten, was es für den Einzelnen heißt, seine Heimat zu verlassen und in der Fremde neu zu beginnen, warum Menschen, die theoretisch die besten Voraussetzungen haben, sich in ihre neue Heimat einzuleben, dort nie so richtig ankommen und schlussendlich, warum sich manchmal Polen und Ostdeutsche besser als „Ossis“ und „Wessis“ verstehen. Unter die Lupe wurden vor allem die Menschen genommen, die oft die Sprache und die Kultur des Landes kennen. Es reicht schon, sich selbst Deutsche anzuschauen, die stellenweise beim Wechsel in ein anderes Bundesland Probleme mit dem Einleben haben. Dazu kommen die Ost–West und die Nord-Süd-Schwellen. Wie soll hier noch ein Ausländer klarkommen? Manchmal sind es nicht die Grenzen eines Staates, die gewisse Denkweisen voneinander unterscheiden. Man kann die Sprache und die Kultur des Landes gut kennen und trotzdem rennt man gegen Mauern. In diesem Stück wird der Fokus genau auf die West–Ost Problematik gelegt. Mit welchen Denkmustern werden Menschen aus diesen zwei Polen bei einem Treffen trotz der neuen politischen und ökonomischen Situation konfrontiert?

Delest interessiert vor allem, wie „unsichtbare Mauern“ in der deutschen Gesellschaft entstehen. Nach verschiedenen künstlerischen Projekten beschloss sie, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum Zuwanderer heutzutage in einem offenen Europa stellenweise mit ähnlichen Aussagen und Beurteilungen konfrontiert werden wie Ellen Schernikau vor über 50 Jahren in einem geteilten Europa. Ellens Geschichte ist auch der Ausgangspunkt für das Theaterstück, das jedoch keine traditionelle Aufteilung in Akte hat. Zwei Frauen erzählen parallel ihre Geschichten, die auf zwei Zeitebenen stattfinden. Die Geschichte der zweiten Protagonistin beginnt im Hier und Jetzt und endet im Jahr 2001, als sie sich als junges Mädchen vorstellt, was eine Auswanderung bedeuten könnte. In dieser Geschichte werden viele Situationen dargestellt, die sowohl die Textautorin selbst wie auch viele osteuropäische Migranten in Deutschland in den Jahren 2013-2019 erlebten.

Delest provoziert mit dem Blick, den sie für die thematisierte Problematik wählte. Sie enthüllt den Dreck unter den schön sanierten Fassaden. Sie gibt auch das Wort den Menschen, die oft nicht erhört werden. Sie präsentiert ein eher nicht akzeptiertes Narrativ über die DDR und die deutsch-deutsche Teilung. Gleichzeitig zwingt sie die Zuschauer zu einer Überlegung, ob die gegenwärtige Welt sich tatsächlich so sehr von der alten, mit einer grauen Mauer geteilten Welt unterscheidet. Weiter stellt sie die Fragen, ob wir in der jetzigen Welt wirklich frei sind und warum viele Migranten nach vielen Jahren oftmals sagen, dass Deutschland für sie keine neue Heimat geworden sei. Zum Schluss widerlegen Delest und Moser Klischees über Zuwanderer aus dem Osten, die nach Deutschland nur aus den ökonomischen Gründen kommen sollen.

Deutschland hat zweifellos in den letzten 70 Jahren unglaublich viel dafür getan, sich in ein Zuwanderungsland zu verwandeln. Und dennoch scheint es, dass irgendetwas nicht so ganz richtig funktioniert, dass etwas offenbar an der Basis nicht stimmt. Bestimmte Denkweisen scheinen sich seit Jahren nicht verändert zu haben. Woran liegt das? Jeder Migrant steht zwischen den Welten. Sein Herz wird die Welt wählen, in der er sich wie zu Hause fühlen kann. Was muss geschehen, damit man an fremden Orten sein Zuhause findet? Und letztendlich: Was für eine Gesellschaft sind Deutsche aus der Sicht anderer?

Delest will jedoch nicht nur mit dem Finger auf gewisse Probleme zeigen. In Diskussionen nach den Aufführungen und im Rahmen der Begleitevents wie Theaterworkshops oder Textanalyse beim Kaffee und Kuchen will zusammen mit dem Publikum überlegen, ob die unsichtbaren Mauern nur eine Einbildung der Zugekommenen seien und wenn nicht, dann, was man machen muss, um sie abzuschaffen. Schon die Arbeitsweise an dem Theaterstück zeigt, dass manchmal Grenzen zu überschreiten einfacher ist als gedacht. Das Stück über unsichtbare Grenzen entstand nämlich über den europäischen Grenzen. Die ersten Proben fanden in der letzten Lockdown Phase statt, als die Grenzen einiger Länder noch zu waren. Es gab einen Moment, als die Autorin, die Regisseurin und die Schauspielerinnen sich zu einem Moment in drei verschiedenen Ländern befanden und trotzdem gingen die Vorbereitungen rasch vorwärts. Die außergewöhnliche Determination des Produktionsteams und seine Kreativität in Finden der Lösungen in der neuen Epidemie-Realität lohnten sich. Die erfolgreiche Premiere mit der Diskussion mit Ellen Schernikau fand am 19.09.2020 in Braunschweig in Brunsviga statt. Den weiteren Spielplan kann man auf der Webseite des Veranstalters, des Deutsch – Polnischen Hilfsverein POLDEH e.V. in Braunschweig sehen: www.poldeh.de (die Registerkarte unten „Zwischen den Welten“)

Das Projekt wird von der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung, Sanddorf Stiftung und demokratie leben gefördert. Mittlerweile dauern auch Arbeiten an einem Kurzdokufilm über das Projekt. Die Filmvorführungen werden für den Anfang 2021 geplant. Realisierung dieses Teils des Projekts ist wieder dank der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung, und weiter dank dem Kulturinstitut Braunschweig möglich.

Fotos: Rainer Strzolka

Besetzung: Jessica Hermann i Anne-Kathrin Ternité

 

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