40 Jahre Deutches-Institut für Polnische Angelegenheiten

Prof. dr Peter Oliver Loew - deutscher Historiker, Übersetzer und Dozent, sowie Autor zahlreicher Bücher über polnische Geschichte. Loew berichtet, wie er sich bei seinem Besuch in Polen in eine Polin, ebenso wie in das Land verliebt, und wie dies seinen weiteren Bildungsweg bestimmt hätte. Seit 18 Jahren ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut (DPI) tätig. Er beschäftigt sich mit der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen in der Neuzeit, insbesondere mit der Geschichte Danzigs, Pommerns und Pomerellens, sowie mit der Geschichte nationaler Minderheiten und der kulturellen Aspekten der Geschichte Mittel- und Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert. Im Herbst 2019 übernahm er die Leitung des Instituts und löste damit Dieter Bingen ab.

Twoje Miasto:
Zunächst einmal möchte ich eine Frage stellen, die mich schon vor langer Zeit fasziniert hat. Woher kam Ihre Liebe zu Polen und den Menschen und wie sind Sie an das Deutsche-Polen Institut in Darmstadt gekommen?

Peter Oliver Loew:
Die ersten 22 Jahre meines Lebens wusste ich so gut wie nichts über Polen, abgesehen von den Informationen, die ich in der Schule und beim Schauen und Hören der Nachrichten erhielt. Ich hörte von der Solidarność, vom Mangel an Fleisch in polnischen Geschäften. Als kleiner Junge war ich eher in der deutsch-französischen Zusammenarbeit aktiv. Als ich begann, Wirtschaftswissenschaften in Nürnberg zu studieren, stellte sich das für mich als sehr eintönig heraus. 1989 beschloss ich, im Urlaub etwas Verrücktes zu tun und ging nach Polen. Der Reichtum der polnischen Kultur sowie die Schönheit sowohl Posens, als auch die des Landes, haben mich sofort fasziniert. Ich traf Menschen, lernte ein fantastisches Mädchen kennen und beschloss, Polnisch zu lernen. Ich interessierte mich für die polnische Geschichte als Gegengewicht zu Deutschland. Ich habe festgestellt, dass sich diese Länder perfekt ergänzen. Es begann also alles mit Neugierde und einer positiven Überraschung für dieses Land. Ich arbeite seit 18 Jahren am Deutschen-Polen Institut in Darmstadt. Als promovierter Historiker beschloss ich, mich für die Stelle des wissenschaftlichen Mitarbeiters an unserem Institut und des stellvertretenden Direktors für wissenschaftliche Angelegenheiten zu bewerben. Am Tag des Bewerbungsgespräches beim DPI war ich sehr abgelenkt, weil genau in dieser Nacht mein Sohn geboren wurde.  Zu wissen, dass ich meine Frau in Leipzig, wo wir damals gelebt haben, alleine lassen musste, gab mir keine Ruhe. Ich glaube jedoch, dass das Gespräch gut verlaufen ist, denn ich wurde eingestellt.

Was waren damals Ihre Aufgaben?

Ich übernahm die Aufgaben des Dr. Andreas Lawaty, der für die Publikationsreihen des Instituts verantwortlich war. Ich war für die nächste geplante Buchreihe mit dem Titel „Polnische Bibliothek - Denken und Wissen“ zuständig. Letztendlich wurden 15 Bände veröffentlicht. Des Weiteren war ich auch an der Herausgabe anderer Bücher und Publikationen beteiligt, sowie an der Planung wissenschaftlicher Konferenzen und Übersetzungen. Mit der Zeit organisierten wir auch verschiedene Konzerte, Kulturfestivals, wie zum Beispiel über die Arbeit von Stanisław Lem. Ich habe unter anderem auch mehrere Bücher über Danzig und die Polen in Deutschland geschrieben: "Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland". Das alles hat meine wissenschaftliche Arbeit extrem vielseitig geprägt.  

Was hat das Institut Ihrer Meinung nach bisher erreicht? Was ist Ihrer Meinung nach der größte Erfolg der letzten Jahre?

Das Institut ist ein sehr wichtiges Element in den deutsch-polnischen Beziehungen und bemüht sich von Anfang an, das Wissen über Polen in Deutschland zu erweitern und gleichzeitig das Bild Polens in Deutschland näher heranzuführen. Wir sind ein sehr kleines Team, weswegen wir eher ein begrenztes Publikum haben. Mit einigen größeren Projekten erreichen wir jedoch auch einen größeren Personenkreis. Unsere Bücher aus der Reihe „Polnische Bibliothek“ waren in den meisten Buchhandlungen erhältlich. Wir führen auch Schulprojekte durch, die das Wissen über Polen im deutschen Bildungswesen verbreiten. Es fällt mir schwer, über persönliche Erfolge zu sprechen, da ich lieber von den Projekten erzähle, die mich am meisten zufrieden stellen. Dazu gehörte ein Projekt, das wir erst kürzlich ins Leben gerufen haben, die "Lebenspfade / Ścieżki życia". Es war ein Projekt, von dem ich selbst viel gelernt habe, denn es berichtet über das Leben der Polen, die im Rhein-Main Gebiet leben.   

Vor weniger als einem Jahr wurden Sie Direktor des DPI. Was möchten Sie an der Arbeit des Instituts ändern? Welche neuen Projekte können wir erwarten?

Wir haben schon viel verändert. Natürlich wollen wir keine Revolution einführen, jedoch eine gewisse Entwicklung machen. Wir wollen unsere Tätigkeit modernisieren und auffrischen, um Polen noch näher an Deutschland heranzuführen. Leider mussten wir aufgrund der Pandemie viele der von uns geplanten Veranstaltungen absagen, sowohl in Darmstadt als auch in Berlin. Unter anderem beabsichtigen wir auch, im Internet immer sichtbarer zu werden. Wir haben vor kurzem ein Twitter-Konto eingerichtet, in dem wir genau, wie auf Facebook präsent sein wollen. Auf diese Weise erreichen wir ein noch breiteres Publikum, insbesondere während der Pandemie. 

Haben Sie auch vor, mit der lokalen polnischen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten?

Ich möchte darauf hinweisen, dass sich das Institut aufgrund seiner Satzung sich eher nicht mit der polnischen community befasst. Unser Programmangebot richtet sich vor allem an das deutsche Publikum. Wir wollen überzeugend auf Deutsche zugehen, die Polen kennen lernen wollen und daran interessiert sind, Brücken zwischen unseren Nationen zu bauen. Natürlich ist die polnische community bei unseren Veranstaltungen sehr willkommen. Wir haben auch viele Kontakte miteinander, sowohl in Darmstadt als auch in ganz Deutschland. Wir sind uns bewusst, dass die deutsch-polnischen Kreise, in denen wir verkehren, manchmal eng mit der Polonia verbunden sind. In polnisch-deutschen Vereinigungen gibt es viele Polen und Polinnen auf verschiedenen Ebenen, sei es auf wissenschaftlicher oder kultureller Ebene. Obwohl sie sich nicht immer als Teil der polnischen Gemeinschaft fühlen und Polen nicht immer vertreten wollen, aber für uns sind alle wichtig. Ich denke, dass die Polonia in gewisser Weise ein Bindeglied zwischen Polen und Deutschland ist.

Das Thema Ihres aktuellen Vorzeigeprojekts - Jahrbuch Polen - ist die polnische Wirtschaft. Was möchten Sie in diesem Buch präsentieren?

Sie ist in gewisser Weise auch Teil des neuen Profils des Instituts. Das Thema unserer Reihe „Jahrbuch Polen“ wird das ganze Jahr über auch das Thema des Instituts sein. Wir planen, in ganz Deutschland Veranstaltungen zu diesem Thema, zu organisieren. Diesmal wollten wir die Aufmerksamkeit auf ein sehr positives Thema lenken, denn gerade im wirtschaftlichen Bereich überschneiden sich Polen und Deutschland sehr intensiv und beide Länder profitieren davon.  Polen ist zum fünftgrößten Handelspartner Deutschlands geworden. Unglücklicherweise erschien unser Jahrbuch jedoch Anfang März, als die Coronavirus-Krise begann, was unsere Tätigkeit erheblich einschränkte, und wir wissen noch nicht viel über die wirtschaftlichen Folgen dieser Krise. Ich freue mich auch auf das Thema des nächsten Jahres, das Oberschlesien sein wird. Das Thema ist, zumindest dem Namen nach, bei den Deutschen gut bekannt. Wir wollen den ganzen Reichtum dieser Region und ihre kulturelle Vielfalt darstellen, aber auch die deutsch-polnischen Beziehungen zusammenfassen.

In diesem Jahr feiert das Institut sein 40-jähriges Bestehen. Haben Sie eine Idee, wie Sie trotz der Pandemie den Geburtstag des Instituts feiern können?

Wir hatten viele Veranstaltungen geplant, aber das Coronavirus hat unsere Pläne durchkreuzt. Wir wollten eine größere Feier organisieren. Aber ich sehe diese Möglichkeit im Moment nicht, weil die Situation nicht sicher ist. Wir werden eine Ausstellung vorbereiten. Wir wissen noch nicht, ob wir es im Institut oder anderswo in Darmstadt präsentieren werden. Sicherlich wird unsere Ausstellung auch im Internet erscheinen.  Wenn es funktioniert, werden wir nächstes Jahr eine größere Geburtstagsparty feiern. Es wird das hundertjährige Jubiläum unseres Gründers Karl Dedecius sein. Wir planen ein Treffen in Łódź, dem Geburtsort von Dedecius, sowie in Darmstadt, und dort werden wir dann auch unser Jubiläum feiern. 

Soweit ich weiß, setzen Sie sich sehr stark für die Errichtung des Polendenkmals zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945 ein. Können Sie uns sagen, was die Vision dieser Initiative ist? Was ist Ihre Aufgabe in diesem Projekt?

Das Projekt Denkmal für die polnischen Opfer im Zweiten Weltkrieg wurde vor langer Zeit ins Leben gerufen. Władysław Bartoszewski hat sich bereits um diese Form der Erinnerung an die Opfer bemüht. Die Initiative gewann vor drei Jahren an Bedeutung. Damals beteiligten wir uns an der öffentlichen Diskussion zu diesem Thema und unterstützten die Idee, ein solches Denkmal in Berlin zu errichten. Die Initiative ging an den Deutschen Bundestag. Dort fand das Projekt auch seine Gegner, die es wegen der „Nationalisierung des Erinnerns“ kritisierten. Sie fragten, warum nur die Deutschen das Leid der Polen und nicht aller Opfer des Zweiten Weltkriegs darstellen sollten. Die Kritiker forderten die Einrichtung eines Dokumentationszentrums über den Zweiten Weltkrieg, um die Auswirkungen des Krieges in allen besetzten Gebieten zu zeigen. Wir bemühen uns um eine Einigung mit der Stiftung, die sich um das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa kümmert. Gemeinsam ist es uns gelungen, ein Projekt zu schaffen, das beide Ideen verbindet, ein Denkmal zur Erinnerung an die Ereignisse und Opfer des Krieges, aber auch ein Dokumentationszentrum und eine "fliegende Universität", die das Wissen und das Gedenken an die Kriegsopfer auf polnischem Boden verbreitet. Es wäre in gewisser Weise ein lebendiges Denkmal. Die Angelegenheit muss jedoch zurück ins Parlament und dort entschieden werden. Ich hoffe, dass es positiv sein wird...

Da wir gerade über die polnisch-deutsche Zusammenarbeit sprechen, werde ich Sie nach Ihrer Meinung zu aktuellen politischen Differenzen und Themen, wie Kriegsreparationen oder Nordstream 2 fragen: Wie wirken sich diese auf die polnisch-deutsche Zusammenarbeit aus?

Ich denke, dass die polnisch-deutsche Zusammenarbeit insgesamt so reichhaltig und vielschichtig ist, dass diese Themen unsere guten Beziehungen nicht völlig hemmen können. Was die Gaspipeline betrifft, so wird Polen ohnehin immer unabhängiger von Gaslieferungen aus Russland, so dass das Erpressungspotential gegenüber dem östlichen Nachbarn abnimmt. Das Problem der Wiedergutmachung hingegen wird von der Regierung in Polen künstlich aufgeworfen. Es ist eine Art Show für die eigene Wählerschaft, die man nicht zu beenden weiß. Es gibt keine rechtliche Möglichkeit, Schadensersatz zu fordern, da dieser Fall vor langer Zeit durch zwischenstaatliche Vereinbarungen abgeschlossen wurde. Vielleicht sollten wir nach einer anderen Form der Kompensation durch symbolträchtigere Projekte suchen, wie zum Beispiel den Wiederaufbau des Sächsischen Palais´ in Warschau. Es könnten einige Fonds geschaffen werden, um polnisch-deutsche Initiativen zu entwickeln. Solche Ideen sind realistischer und drohen unsere gegenseitigen Beziehungen nicht zu vergiften.

Was können wir, die Polonia in Deutschland, zum Aufbau guter Beziehungen zwischen Polen und Deutschland beitragen?

Meiner Meinung nach ist die Polonia dann wichtig, wenn sie über ihre eigenen Kreise hinausgeht und zeigt, was sie in die Gesellschaft einbringt, und auch den Kontakt zur deutschen Gesellschaft sucht. Wenn sie sich nur auf ihre eigenen Kreise konzentriert, hat sie keinen wirklichen Einfluss auf die Verbesserung der polnisch-deutschen Beziehungen. Außerdem kann man, indem man Polen und seine Familien besucht, über das Leben in Deutschland sprechen und so einige Stereotypen, die noch immer existieren, aufbrechen.

Mit Peter Oliver Loew sprach Michał Kochanski.

Übersetzt von Natalie Drost und Andrzej Kaluza.

Gespräch in Polnisch  im Zeitschrift  "Twoje Miasto"

        

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