Lockdown  und Obdachlosigkeit - Zeit ist ein relativer Begriff. Wir geben zu, dass dieser Einsteinsche Gedanke im alltäglichen Gebrauch sentimental und banal klingt. Das Coronavirus hat jedoch die Uhren anders ticken lassen, und nicht nur wir haben den Eindruck, dass wir bereits seit einer Ewigkeit unter dem Diktat der aktuellen Pandemie leben. 

Mitte März schlug in Hannover im Minutentakt eine Tür nach der anderen zu: Geschäfte, Restaurants, Theater, Kinos, Museen, Büros, Gemeindezentren. Der lockdown ("zu Hause bleiben") beherrschte unser Leben. Aber was sollte ein Obdachloser tun? Als die Beratungsstellen und Tagestreffs geschlossen wurden, waren die Schwächsten unter uns über Nacht fast vollständig von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Und es war eine Zeit der letzten Wintertage und leichter Fröste. Als erstes hat das Team vom Tagestreff Nordbahnhof, in dem Sylwia Jasion arbeitet, die Barriere der Ohnmacht und – geben wir zu – der Angst, zwei Wochen vor Ostern durchbrochen.

Was nicht verboten ist, ist erlaubt, und so fingen sie an, Obdachlose in abgezählten Grüppchen einzulassen, damit sie sich aufwärmen, waschen und essen konnten. Am ersten Sonntag konnten jedoch nur acht Personen pro Stunde eintreten, während die anderen draußen fröstelnd warteten, bis sie an der Reihe waren. Und das Schlimmste war, dass für viele von ihnen es keine Mahlzeit mehr gab. Die Ressourcen des Tagestreffs waren bereits erschöpft, da die Stadt nur bis Samstag Mittagessen zur Verfügung stellte. Sylvia erlebte einen Moment des Schreckens und ... verschickte die Nachrichten in die polnische Gemeinde. Die Antwort kam sofort. Bereits am folgenden Sonntag wurde für die gesamte internationale Gruppe von Obdachlosen, die den Tagestreff Nordbahnhof besuchte, privat eine warme Mahlzeit organisiert. Als nächstes schlossen sich neben Privatpersonen auch polnische Geschäfte an, die regelmäßig Lebensmittel anbieten, und der "Kreis der Familien" bei der Polnischen Katholischen Mission begann, einmal pro Woche Mittagessen zu bringen.  Für "unsere" Obdachlosen wurde, ebenfalls auf Initiative von Sylwia und mit Unterstützung der polnischen Gemeinschaft (z. B. Edyta Druck Point), ein Plakat entworfen und gedruckt, das auf Polnisch über die Verhaltensregeln während des lockdowns informierte. Dieses Plakat wurde auch weiteren polnischen Hilfsorganisationen in anderen Bundesländern zur Verfügung gestellt. 

"Koszyczek" ("Das Körbchen")

Die erwähnte Aktion war ein gutes Aufwärmen für das diesjährige "Koszyczek", das die hannoversche polnische Gemeinde seit zwei Jahren zu Ostern den Obdachlosen anbietet. Wenn jemand befürchtete, dass die eingeführten Pandemiebeschränkungen unsere Ostertradition in Frage stellen könnten, unterschätzte er den Erfindungsreichtum der hannoverschen Polonia. Dank einer starken Gruppe von Helferinnen und Helfern, die sich um Sylvia versammelt hatten, war es möglich, sowohl Lebensmittel als auch Kleidung zu sammeln. Alles fand diesmal "mobil" (und sicher) statt, nach dem Motto "vor die Tür stellen, wir holen ab".  SEWO (Selbsthilfe für Obdachlose) hat Geldspenden auch von polnischen Spendern erhalten. Wie Sylwia Jasion hervorhebt, ist diese Initiative, die "jenseits aller Trennungen" durchgeführt wurde, ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass ... wo ein Wille ist, finden sich die Mittel.

Auch in diesem Jahr hat sich der Pfarrer der Polnischen Katholischen Mission in Hannover, Priester Tadeusz Kluba vorbildlich der Herausforderung gestellt, indem er die Gläubigen zu Spenden aufgerufen und Räume zum Sammeln und Verpacken der Spenden zur Verfügung gestellt hat. Ihm ist es zu verdanken, dass die PMK die verdienstvollste polnische Institution ist, die den Obdachlosen in Hannover hilft. In diesem Jahr hat sich auch die hannoversche Deutsch-Polnische Gesellschaft (DPG), motiviert durch die letztjährigen Erfolge von "Koszyczek", zum ersten Mal der Aktion angeschlossen.

Unter vielen deutschen Hilfsorganisationen ist das von Sylwia Jasion initiierte polnische Gemeinschaftsnetzwerk für Obdachlose ein bemerkenswertes Beispiel für das soziale Engagement einer nationalen community. Neben sozialen Plattformen und privater Mundpropaganda (WhatsApp, Facebook) spielten auch unser Radio PolenflugNeo und die Informationskanäle des Verbindungsbüros der polnischen Organisationen in Hannover und Niedersachsen eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der polnischen Gemeinschaft. Die Ergebnisse der Sammlung haben unsere kühnsten Erwartungen übertroffen, und bis zum heutigen Tag bieten immer noch Menschen ihre Hilfe an. Dieses Engagement für die Obdachlosen ist umso wertvoller, als die Spender und Helfer selbst von den Einschränkungen und Bedrohungen der Pandemie betroffen sind. 

Wie kommen wir zurecht?

Wissen schützt. Aldona Głowacka-Silberner, die das Verbindungsbüro leitet, informiert unsere community regelmäßig über neue Vorschriften sowie über Hilfsangebote des Staates, der Region oder der Stadt. PolenflugNeo hingegen hilft in den wöchentlichen Radiosendungen, das Coronavirus kennenzulernen und die Einschränkungen zu akzeptieren, bietet Informationen und Unterhaltung und beantwortet Fragen, die die Hörer beunruhigen. Die Sendung fördert auch interessante Ideen, wie z. B. die von Edward Dewucki, Präsident des Sportclubs Polonia Hannover, der "individuelle, gemeinsame Trainingseinheiten" organisiert. Gemeinsam (über das Internet) werden Aufgaben gestellt und ausgewertet, die individuelle Umsetzung erfolgt unter Beachtung aller Verbote und Anordnungen, die sich aus den geltenden Vorschriften ergeben. Das polnische Redaktionsteam unterstützt auch die Medienaktivitäten der in Hannover ansässigen Gruppe der Anonymen Alkoholiker und stellt ihnen Sendezeit und Know-how zur Verfügung. Auch diese AA Initiative ist während der Coronavirus-Zeit online gegangen. 

Ein flüchtiger Moment der Normalität – und wie geht es weiter? 

Kehren wir zu den hannoverschen Obdachlosen zurück. Die Stadt Hannover reagierte auf die Appelle von Hilfsorganisationen und quartierte nach vier Wochen lockdown Obdachlose, Sozialhilfeempfänger und Menschen ohne Einkommensquellen in Hotels und in der Jugendherberge ein. Während sich die Mehrheit der Bevölkerung in einem Ausnahmezustand befand, brachte die Pandemie dieser Gruppe eine gewisse Normalität: Dach über dem Kopf, eigenes Bett, regelmäßige Mahlzeiten. Aber diese Idylle wird nicht lange währen. Die Mittel für die Essenausgabe sind bereits ausgeschöpft und Hotels und Jugendherbergen in Niedersachsen kehren bald zum normalen Marktbetrieb zurück. Die Obdachlosen werden wieder auf die Straße gehen, und die Sozialarbeiter sind nach wie vor auf die Hilfe von Menschen guten Willens angewiesen. Die polnische Gemeinschaft steht vor einer weiteren Aufgabe: den Obdachlosen – zusätzlich zu Nahrung und Kleidung – Gesichtsmasken zur Verfügung zu stellen, die in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln obligatorisch sind. Eine entsprechende Bitte wurde bereits herumgeschickt.

Teresa Czaniecka-Kufer und Grażyna Kamień-Söffker

PS. Inzwischen hat sich auch das Generalkonsulat der RP in Hamburg an der Sammelaktion beteiligt – die ersten Gesichtsmasken sind am 18.05.2020 in Hannover eingetroffen.

Auf dem Foto: Sylwia Jasion (4. links) und eine Gruppe von Obdachlosen aus Hannover mit dem Konsul Mariusz Pindl (3. rechts) aus Hamburg

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