Der kulturelle Vorfrühling war für die Einwohner Braunschweigs großzügig. Obwohl das Wetter selbst nicht immer mitspielte, haben die Organisatoren vieler Events interessante Freizeitangebote vorbereitet. Zu ihnen gehörte das Kunstprojekt „Gemeinsam im Tanzschritt“, das vom Deutsch-Polnischen Hilfsverein POLDEH in Kooperation mit frauenBunt e.V. und der finanziellen Unterstützung der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung durchgeführt wurde. Gerichtet war es an alle Kunst- und Tanzliebhaber, besonders jedoch an alle Personen mit körperlichen Einschränkungen.

Man könnte denken, dass es nicht möglich ist, den Tanz mit einer körperlichen Einschränkung zu verbinden. Dies ist völlig irreführend, wie dieses Projekt zeigte. Seine Leiterin hatte selbst einen Unfall und trotz ihrer daraus resultierenden Knieprobleme tanzt sie immer noch. Zum Projekt lud sie eine polnische Tänzerin ein, die auch eine ähnliche Geschichte hat und trotz ihrer gesundheitlichen Probleme nicht nur professionell tanzt, sondern auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu Tanzaktivitäten motiviert. Die organisierten Events waren an Menschen verschiedenen Alters gerichtet. Das beste Beispiel dafür waren Flamencoworkshops, während derer man den Tanz lernte, für die ein reiferes Alter von Vorteil ist.

Das Projekt „Gemeinsam im Tanzschritt“ wurde flankiert von einer Ausstellung mit Bildern von Sophie Delest: „Tanzende Bilder“. Anders als für viele Künstler steht für sie nicht ein Moment im Zentrum ihres Interesses, sondern eine Bewegung. „Panta rei“ bringt die Idee der Veränderung der Welt zum Ausdruck, so wie die Bewegung im Tanz. Ihre Gemälde zeigen nicht einen bestimmten Moment, sondern sie beginnen quasi selbst zu tanzen, weil sie aufgrund ihrer Mehrteiligkeit in unterschiedlichen Konstellationen aufgehängt werden können. Sie drücken die Sehnsucht der Künstlerin nach dem Tanz aus, dessen Ausbildung sie nach ihrem Unfall unterbrechen musste. Mit Hilfe einer gewissen Metapher zeigen sie, dass es nicht immer möglich ist, alle gewünschten Figuren zu erreichen, sei es aufgrund eines gesundheitlichen Problems oder einer natürlichen Einschränkung des Körpers. Wie das Skelett den menschlichen Körper beschränkt, so spielen hier Leinwände eine solche Rolle und ermöglichen den Figuren nicht alle Bewegungen. Interessant ist, dass das Ziel der Bilder nicht ist, die Realität widerzuspiegeln, obwohl die Künstlerin sich für eine realistische Art des Malens entschieden hat, sondern eine neue Tanzdimension, die aus der Welt der Malerei entsteht.

Diese Idee, nach neuen Tanzformen zu suchen, die zugänglich für jeden sind, unabhängig von seinem Gesundheitszustand, war das Motto aller Begleitevents. Alle Tanzworkshops mit Małgorzata Wilczyńska wie auch die Tanztreffen mit Sophie Delest, die in Form eines zwischenkulturellen Tanzaustausches organisiert worden sind, wurden so vorbereitet, dass jeder, sogar Personen in Rollstühlen oder mit Krücken, daran teilnehmen konnten. Gleichzeitig waren diese Workshops eine wunderbare Reise durch verschiedene Länder und ihre Kulturen. Die Projektteilnehmer kamen aus fünf Kontinenten und die angebotenen Veranstaltungen zeigten sich als eine wunderbare Form der multikulturellen Integration. Die Teilnehmer begannen, ein größeres Verständnis für die Körpersprache in verschiedenen Kulturkreisen wie auch für die durch den Tanz mitteilten Informationen zu bekommen. Als Zusammenfassung des Gesamtprojekts hielt die Künstlerin eine Vorlesung mit anschließender Diskussion zum Thema „Tanzgeschichte und ihre unterschiedlichen Definitionen in verschiedenen Tanzkreisen wie auch in der Kunstwelt“. Um die tatsächlichen Möglichkeiten dieser tlw. unkonventionellen Tanzideen zu zeigen, haben die Zuhörer zum Schluss gemeinsam eine Choreografie erarbeitet, die auf diesen Ideen basierte.

Der Tanz ist neben der Performance eine der lebendigsten Kunstformen. Er ist eine Verwirklichung des Dialogs zwischen Körper und Geist. „Der Tanz ist eine flüchtige, in der Zeit beschränkte Ausdrucksform, die in einer gegebenen Form und in einem gegebenen Stil durch den menschlichen Körper in einem bestimmten Raum ausgeübt wird” (Świadomość ruchu. Teksty o tańcu współczesnym, red. Jadwiga Majewska, Kraków 2013).

Der Mensch kann sich dank seines kinästhetischen Systems bewegen, dessen Funktionsweise viele Elemente beinhaltet: Skelett, Gewebe, zirkulierende Flüssigkeiten und Rezeptoren an der Haut. Die kinästhetischen Möglichkeiten hängen zum großen Teil von der bewussten Wahrnehmung des eigenen Körpers ab und nicht, wie man vermuten könnte, von der Geschicklichkeit. Der Tänzer bewegt sich nach seinen Emotionen bzw. nach einer Intention.

Aus diesem Grund ist der Tanz in seiner Natur jedem Menschen nah, weil jeder zu irgendeiner Zeit seines Lebens eine gewisse Form des Tanzes erfahren hat, seien es spontane Bewegungen als Kind, der Tanz in der Disco als Jugendlicher oder erlernte Tänze im Rahmen der eigenen Kultur.

Sophie Delest präsentierte nicht nur den Tanz als zentrales Element der menschlichen Kultur, sondern eröffnete für jeden diese Aktivität neu. Die angebotenen Workshops entsprachen der die individuelle Menschenentwicklung inspirierende Maxime von Johann Wolfgang von Goethe: „Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“ Wenn man die Komplexität des Projekts von Sophie Delest betrachtet, so erkennt man, dass seine Teilnehmer diese Idee vollkommen verwirklicht haben.

                                                                                               

Agnieszka Kompanicka Dyczko

Übersetzt von: K. und A. Moser

Fotos: R. Sadłowska

Małgorzata Wilczyńska – polnische Tänzerin, Tanzinstruktorin, Organisatorin des Internationalen Festivals der spanischen Kultur „Viva Flamenco”, Model und Ärztin von Beruf.

Sophie Delest – polnische Künstlerin, Germanistin. Leidenschaftliche Kulturbildnerin. Übersetzerin und Expertin in interkultureller Kommunikation.

pecjalistka w komunikacji międzynarodowej.

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