In Nordrhein-Westfalen gibt es besondere Anlaufstellen, an denen Migranten polnischer Herkunft Hilfe finden können. Wie sich herausstellt, brauchen vor allem vier Gruppen am meisten Unterstützung.

Nordrhein-Westfalen liegt im Westen Deutschlands direkt an der Grenze zu den Niederlanden und Belgien. Es ist das bevölkerungsreichste aller 16 deutschen Bundesländer und eines der reichsten. Es ist auch die neue Heimat der meisten Migranten aus Polen.

 Die neuesten Datenerfassungen  zeigen, dass in unserem Bundesland etwa 600-700 Tausend Migranten polnischer Herkunft leben", sagt Wiesław. Lewicki, Vorsitzendender  des Vereins Polregio e.V. aus Aachen, der seit vielen Jahren in der polnischen Community  in Deutschland, besonderes in NRW aktiv ist. Hier, in NRW, entstand die Projektidee -   des „Info-Point-Polregio“. 

Es geht nicht nur um die punktuelle Hilfe bei dem Umgang mit bestimmten  Themen. Wir wollen  Migrantenorganisationen und die Migranten selbst professionalisieren, um besser informiert zu sein und damit eine stabilere Position in Deutschland zu haben", erklärt Joanna Szymanska, Projektleiterin.

Im 19. Jahrhundert hatten wir die erste große Migrationswelle  nach Nordrhein-Westfalen. Man hört oft dass, die Integration der Polen in NRW eine Erfolgsgeschichte sei - die Polen haben sich perfekt integriert . Wir fühlen uns hier wohl, wir leben und gründen Familien, oft schon multikulturell. Wir spielen eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Wir lernen und erhalten eine gute Ausbildung und im  Endeffekt eine gute Arbeit, wir sind ein Muster Schüller!  Das ist natürlich richtig!  Aber es gibt auch eine große Gruppe von Menschen, die Hilfe brauchen, die etwas schlechter oder überhaupt nicht integriert sind, vor allem im strukturellen Sinne“, sagt Joanna Szymanska.

Info-Point-Team: Wieslaw Lewicki (Projektkoordination), Magda Kowalska (Büro Essen), Joanna Szymanska (Projektleitung), Anna Golan (Büro Köln), Marek Palczynski (Aachen) - Foto J.Uske

Die neue Auswanderungswelle braucht Unterstützung

Nach der Durchführung anonymer Umfragen haben die Autoren des Projekts insgesamt vier Hauptgruppen identifiziert, die am meisten Unterstützung benötigen. Die ersten von ihnen waren Auswanderer, die nach 2011 nach Deutschland kamen. Es war dann am 1. Mai - genau sieben Jahre nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union - als Deutschland die Beschränkungen des Zugangs zu seinen Arbeitsmärkten aufhob und die volle Freizügigkeit der Arbeitnehmer und ihrer Familien für neue Mitglieder der Gemeinschaft einführte. Dies bedeutete unter anderem, dass Migranten aus Polen fortan ohne zusätzliche Genehmigungen und zu den gleichen Bedingungen wie deutsche Staatsbürger die gleichen Arbeiten ausführen konnten.

Viele Polen nutzten diese neuen Möglichkeiten. Warum brauchen sie  dann heute Unterstützung?

Die so genannte neue Auswanderungswelle ist sehr anfällig für alle Arten von sozialen Ungleichheiten. Einerseits arbeiten und verdienen diese Menschen - meist Männer, und sind daher keine potenziellen Empfänger von Sozialleistungen. Andererseits haben sie aber keine Zeit für einen anständigen Sprachkurs, sie kennen ihre Rechte und Pflichten nicht und haben daher keine Chance auf eine vollständige strukturelle Integration - erklärt Joanna Szymanska.

Info-Point-Team: od lewej: Alexandra Lewicki (Aachen), Blanka Zaborowski (Biuro Aachen), Piotr Sigwantz (Biuro Wuppertal), Sarah Kiermaszek (PR-NRW), Anna Golan (Biuro Köln), Joanna Szymanska (Projektleitung-NRW), Magda Kowalska (Biuro Essen),  Wieslaw Lewicki (Projektkoordination-NRW)

"Stumme Ehefrauen ihrer Ehemänner"

Die drei anderen Gruppen sind u.a.: erstens die nicht erwerbstätige Frauen, zweitens Saisonarbeitskräfte, wie z.B.  PflegerInnen und BetreuerInnen , und Senioren.

Diese Gruppen sind heute am stärksten von sozialer Ausgrenzung bedroht: entweder  durch das System oder auch auf Grund der familiärer oder beruflicher Situation ausgeschlossen - sagt Szymanska und skizziert die Situation jeder von ihnen.Beruflich inaktive Frauen, die die Sprache nicht beherrschen, sind die so genannten stummen Ehefrauen ihrer Männer, die so gut verdienen, dass   ihre Ehefrauen nicht arbeiten müssen. Ihre Familien brauchen keine soziale Unterstützung, sie haben keine Wohnungsprobleme, und ihre Kinder gehen in deutsche Schulen, so dass sie sich in die so genannte gute Integration einzufügen scheinen. Das entspricht allerdings nicht immer der Wahrheit“,  sagt  Szymanska. Denn, wie sie  betont, ohne Sprachkenntnisse haben diese Frauen keine Chance auf eine erfolgreiche Integration.

Vielrespeckzentrum in Essen -Magda Kowalska (Büro Essen), Laura (Leiterin in Vielrespeckzentrum), Joanna Szymanska (kierownik projektu Info-Point)

Polnische Altenpflegerinnen - Sklaven?

Die schwierigste Situation ist jedoch die der Altenpflegerinnen. Das Pilotprojekt hat gezeigt, dass diese Gruppe nun dringend professionelle Unterstützung benötigt.

- Nordrhein-Westfalen ist, wie die allgemeine Landschaft der deutschen Gesellschaft, oder im Grunde genommen der europäischen Gesellschaft, eine alternde Gesellschaft. Es ist nicht überraschend, dass es hier viele polnische AltenpflegerInnen etc. gibt. Viele Teilnehmer unserer Umfrage gaben zu, dass sie als Altenpfleger siebentägige Arbeitswoche haben, fast 24 Stunden am Tag. Ihre Sprachkenntnisse sind minimal, so dass sie in der Regel einen so genannten „Betreuer“ oder „Koordinator" von einer polnischen Firma zugewiesen bekommen, der in ihrem Namen Entscheidungen trifft, die oft Hand in Hand vor allem mit deutschen Familien gehen, die einfach nur einen Sklavenarbeiter haben wollen. Sie brauchen sofort Unterstützung - warnt Szymanska. 

Stammtisch in Köln - Info-Point-Team:  Wiesiek Lewicki (Projektkoordination-NRW), Blanka Zaborowski (Biuro Aachen), Sarah Kiermaszek (PR-NRW), Anna Golan (Biuro Köln),  Joanna Szymanska (Projektleitung-NRW), Magda Kowalska (Biuro Essen)

Sie vergessen die Sprache, die sie jahrelang benutzt haben.

Die vierte Gruppe sind die Senioren. Darunter sind kranke Menschen, die Pflege benötigen. Viele leiden an Demenz.

Häufig werden diese Menschen zu sekundären Analphabeten. Wir kennen Fälle, in denen jemand sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, die Sprache gut beherrschte und plötzlich anfängt nur noch Polnisch zu sprechen.  In dieser Gruppe gibt es auch Menschen mit Behinderungen. Diese Probleme können nicht eigenhändig im Kreise der  Familie gelöst werden! Diese Menschen und deren Angehörige brauchen  Fachberatung und dementsprechend Fachleistung, sagt die  Leiterin des „Info-Point-Polregio“. 

Stammtisch w Kolonii -  Blanka Zaborowski (Biuro Aachen), Sarah Kiermaszek (PR-NRW), Anna Golan (Biuro Köln),  Joanna Szymanska (Projektleiter-NRW), Magda Kowalska (Biuro Essen)

Wie sollten Info-Points helfen?

Das Konzept der Info-Points soll die Kompetenzen von Migranten - primär polnischer Herkunft stärken, das Projekt schließt jedochandere Migrantengruppen nicht aus. Wir wollen allen gesellschaftlichen Gruppen gleichen Zugang zu Informationen gewährleisten. Das Wissen sei  die Grundlage für ein gleichberechtigtes Funktionieren in einem bestimmten Umfeld - sagt Joanna Szymanska.

In den vier größten Städten  NRWs:  Aachen, Essen, Wuppertal und Köln, gibt es seit Januar spezielle Punkte - erste Anlaufstellen, an denen polnische Migranten Unterstützung erhalten können. Die Projektkonzeption sieht vor: Ausarbeitung langfristiger fachlicher Lösungen , darum wird u.a.: mit Deutsch - Polnischen Experten aus vielen Bereichen gearbeitet. 

Info-Point-Team: : Piotr Siegfanz, Anna Golan, Sarah Kiermaszek, Joanna Szymanska, Magdalena Chelmowska-Kowalska, Blandyna Zaborowski, Wiesław Lewicki

Die Autoren des Projekts wollen auch so genannte Ressourcenkarte erstellen. - Es geht nicht nur darum, Engpässe und Probleme bei den Migranten zu diagnostizieren, sondern auch darum, aus derselben Gruppe  die Experten auszuwählen.  Während des Projekts werden unter anderem Schulungen, offene Treffen und Workshops organisiert.  Denn, wie Szymanska sagt, geht es nicht nur darum, mit Einzelpersonen  zum Amt zu gehen und einmalig zu helfen; sondern auch darum, die Arbeit von Migrantenorganisationen zu professionalisieren und sie untereinander zu vernetzen.

Indem sie Ratschläge erteilen, sind sie irreführend

Die Polen helfen sich gegenseitig, aber indem sie Ratschläge geben, führen sie sich oft, völlig unbewusst, aus sprichwörtlich guten Absichten in die Irre. Deshalb wollen wir, dass die Hilfe professionell ist - betont sie.

Der erste Info-Point wurde Mitte September letzten Jahres in Aachen eröffnet. Bislang haben die Migranten u.a.: Unterstützung in steuerlichen und rechtlichen, ja sogar psychologischen Fragen, auch für Minderjährige, erhalten. Es gab sowohl großes Interesse an offenen Informationsveranstaltungen, als auch individuellen Beratung. 

Das Projekt wird von der Nordrhein-Westfälischen Landesregierung finanziert. Die Angebote im Projektrahmen sind kostenlos.

 

Autorin Jolanta Kamińska (schreib: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Fotos: J.Uske, M.Kowalska, A.Lewicki

KONTAKT:

Projektleitung INFO-POINT-POLREGIO: Joanna Szymanska

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

http://www.polregio.eu/index.php/info-point/projekt-info-point

 

Projekt „Info-Point-Polregio" - Finanzierung:

 

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