Die Polonia verändert sich. Deutsche und polnische Politik muss dem gerecht werden.

„Sich in zwei Staaten zu Hause fühlen, in Polen wie auch in Deutschland. Von zwei verschiedenen kulturellen und sozialen Erfahrungen zu profitieren und den Wert dessen weitergeben zu können“, antwortet Ilona spontan, als sie gefragt wird, was ihre polnische Herkunft ihr in Deutschland bedeutet. Sie war 15 als sie vor gut 30 Jahren mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland in den tiefen Westen kam. Hier lernte sie ihren ebenfalls aus Polen stammenden Mann kennen. Der Anfang war sicher nicht leicht. Heute stehen beide aber fest im Leben, haben sichere Jobs. Die inzwischen erwachsenen gemeinsamen Kinder wurden in Nordrhein-Westfalen, wo die Familie lebt, geboren.

Agnieszka lebt mit ihrem deutschen Mann in Berlin, kam in den 1990er Jahren nach Deutschland, der Liebe wegen. Ihr gemeinsames Kind spricht Deutsch und Polnisch, ebenso wie inzwischen ihr Mann. Den Kontakt zu Agnieszkas Familie in Polen halten die drei intensiv. Und materiell sind die beiden mit Jobs gut abgesichert.

Agnieszka und Ilona – zwei kurze Biografien aus der deutschen Polonia, die bei aller Unterschiedlichkeit ein typisches Bild zeichnen. Menschen wie diese, vollständiger Teil der deutschen Gesellschaft und ständige Wanderer über die selbst mitgebauten Brücken über Oder und Neiße, gibt es sehr viele in Deutschland. Sie bilden heute das Gesicht der deutschen Polonia, ohne großes Aufsehen und wohl auch mit steigerungsfähiger öffentlicher und politischer Beachtung.

„Wir Unsichtbaren“ lautet der Titel des wunderbaren Buches von Peter Oliver Loew über die Geschichte der Polen in Deutschland, in dem es unter anderem um die Frage der öffentlichen Wahrnehmung der Polonia in Deutschland geht. Fünf Jahre sind seit dem Erscheinen vergangen. Jahre, in denen die ohnehin schon große Gruppe der Polnischstämmigen in Deutschland weiter zugenommen hat. Denn auch wenn das Wachstum inzwischen deutlich an Geschwindigkeit verloren hat: Noch immer ziehen Jahr für Jahr mehr Menschen aus Polen nach Deutschland, als umgekehrt. 2018 lag der Wanderungsüberschuss immerhin noch bei knapp 3.200 Menschen, in den Jahren zuvor deutlich größer. Die Gruppe der Polnischstämmigen in Deutschland wächst. Und sie ist, wenn man die Augen öffnet und genau hinschaut, heute eigentlich nicht mehr zu übersehen.

Hidden Champions der Einwanderungsgeschichte

Die Polonia ist so etwas wie ein Hidden Champion in der jüngeren deutschen Einwanderungsgeschichte. Schon 2016 hatte das nordrhein-westfälische Integrationsministerium in einer statistischen Sonderauswertung überdurchschnittliche Integrationserfolge bei der Gruppe der Polnischstämmigen in NRW festgestellt und veröffentlicht. Dabei sind die Grundvoraussetzungen für eine vollständige Teilhabe am Leben in Deutschland verhältnismäßig gut, wenn man aus Polen kommt. Die mitgebrachten Bildungsvoraussetzungen sind für einen Job in Deutschland oft ausgezeichnet. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit der Europäischen Union sorgt für einen reibungslosen grundsätzlichen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Nach ersten erfolgreichen Gehversuchen im Nachbarland kommen häufig die Familien hinterher. In deutschen Kitas und Schulen sind Kinder polnischer Herkunft heute daher alles andere als eine Ausnahme. Aber nicht nur das. Inzwischen schaffen polnische Firmen in Deutschland Arbeitsplätze. Die Zeiten, in denen Firmenkapital zwischen Deutschland und Polen ausschließlich in Richtung Osten investiert wurde, sind längst vorbei. Lebensmittel, Tankstellen, Dienstleistungen – immer mehr polnische Firmen interessieren sich für den deutschen Markt. Die Chancen, polnische Firmen für Investitionen westlich der Oder zu interessieren, sind so groß, dass die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft NRW.invest schon seit 2016 ein eigenes Büro in Warschau betreibt. Es läuft. Und weil es verhältnismäßig gut läuft, wird vielleicht etwas weniger darüber gesprochen. Hidden Champions eben.

Etwa 650.000 Menschen mit polnischem Migrationshintergrund – nach offizieller Lesart all diejenigen, die entweder in Polen geboren wurden, oder aber zumindest einen Elternteil haben, der in Polen geboren wurde – leben heute solide geschätzt inzwischen allein in Nordrhein-Westfalen. Das sind mehr als drei Prozent der Gesamtbevölkerung. In ganz Deutschland dürften es längst über zwei Millionen Polnischstämmige nach dieser Definition sein. Und nach all den Erfolgen der letzten Jahrzehnte in der deutsch-polnischen Migrations- und Integrationsgeschichte wird es Zeit, dieses politisch stärker wahrzunehmen, sowohl in Deutschland als auch in Polen.

Instrumente für eine stärkere Wahrnehmung sind eigentlich da, nämlich unter anderem eine sich entwickelnde polnischstämmige Zivilgesellschaft in Deutschland und die politisch beschlossene Einrichtung von sogenannten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern der Polonia – hier und da „Polonia Beauftragte“ genannt – im Bund und in allen 16 deutschen Bundesländern.

Funktion der Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Polonia ernstnehmen

Ja, die Frage ist in Deutschland durchaus berechtigt: Warum gibt es diese Funktion für die in Deutschland lebenden Polnischstämmigen, nicht aber für die Gruppe der Türkeistämmigen, der Italienstämmigen, der aus Spanien stammenden und der Menschen aus den vielen anderen Herkunftsländern, die im Einwanderungsland Deutschland leben? Dann sollte diese Antwort immer wieder gegeben werden: Es geht bei der Polonia um mehr als um aktuelle Integrationspolitik. Es geht ebenso um ein Stück deutscher Geschichte und den Umgang damit, denn in der Weimarer Republik leiteten Polinnen und Polen aus Artikel 113 der Weimarer Reichsverfassung („Die fremdsprachigen Volksteile des Reichs dürfen durch die Gesetzgebung und Verwaltung nicht in ihrer freien, volkstümlichen Entwicklung, besonders nicht im Gebrauch ihrer Muttersprache beim Unterricht, sowie bei der inneren Verwaltung und der Rechtspflege beeinträchtigt werden.“) nach und nach Minderheitenrechte für sich ab. Die Nazis vernichteten diese Strukturen, brachten führende Köpfe der Polonia um. Diese Verbrechen an der Polonia im Deutschen Reich führen noch heute zu Diskussionen zwischen Polen und Deutschland über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Das Thema ist hochaktuell. Und so ist die Zusage Deutschlands gegenüber der Regierung Polens aus dem Jahr 2011, dass bei der Bundesregierung und bei allen 16 Bundesländern Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Polonia einzurichten sind, mehr als nur eine Extrawurst in der deutschen Integrationsinfrastruktur. Es geht vielmehr um den Umgang mit der leidvollen Geschichte der Polen in Deutschland.

Polnischunterricht in Deutschland: Ausweiten und nach deutschen Lehrplänen anbieten

Die Stellung dieser Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Polonia in den deutschen Bundesländern ist höchst unterschiedlich. Die Palette reicht von offiziell ernannten Beauftragten bis hin zur Aussage, man behandele alle Einwanderungsgruppen gleich und werde deshalb mit dem Amt kein Privileg im Land schaffen – und ihm damit keine besondere Bedeutung zumessen. Und genau so unterschiedlich erfolgreich ist man bei der Gewährung der im deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag (Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit) vereinbarten Rechte. Das Angebot polnischen Sprachunterrichts in Deutschland ist eines dieser Rechte. Oft heißt es, es gebe dafür keine Nachfrage. Aber stimmt das? Wer die Nachfrage an Polnischunterricht in Deutschland in Zweifel zieht, der muss nämlich die Frage beantworten, warum in Nordrhein-Westfalen so viele Schulen herkunftssprachliche Polnischklassen haben. Ich freue mich wirklich sehr, dass über 4.600 polnischstämmige Kinder und Jugendliche im vergangenen Schuljahr 2018/2019 am herkunftssprachlichen Unterricht Polnisch in nordrhein-westfälischen Schulen teilgenommen haben. Das war noch einmal eine deutliche Steigerung der Teilnehmenden gegenüber dem Vorjahr, und zwar um zehn Prozent.

Und es ist großartig zu sehen, wie aus diesem herkunftssprachlichen Unterricht vor Ort Impulse für die deutsch-polnische Zusammenarbeit entstehen. Beispiele dafür fallen spontan einige ein. So beschäftigten sich im letzten Jahr Kinder und Jugendliche aus dem herkunftssprachlichen Unterricht Polnisch aus Köln und Umgebung unter dem Titel „1, 2, 3 – Polen frei“ mit der nach 123 Jahren wiederlangten Unabhängigkeit Polens im Jahr 1918 und knüpften in einem Filmprojekt Verbindungen zu ihrem heutigen Dasein in Deutschland. Und in den Vorbereitungen der im Sommer 2019 ganz frisch gegründeten Städtepartnerschaft zwischen Rawicz und Attendorn waren die Teilnehmenden am dortigen herkunftssprachlichen Unterricht Polnisch mit ihrer engagierten Lehrerin einer der Motoren der Zusammenarbeit. Es muss im deutschen Interesse sein, diese Strukturen zu stärken, und zwar von Deutschland aus. Am Beispiel des Polnischunterrichts heißt das: Es muss im deutschen Interesse sein, dass dieser Unterricht in Deutschland geleistet wird, und zwar nach in Deutschland und nicht in Ministerien anderer Staaten entwickelten Unterrichtsplänen. Oder andersrum: Es kann nicht im Interesse Deutschlands sein, wenn Lehrpläne für Unterricht in Deutschland von der Politik anderer Staaten gestaltet werden, auch wenn die Beziehungen noch so freundschaftlich sind.

Gesicht der Polonia in Deutschland heute vielfältiger als von Politik wahrgenommen

Die Frage „Wer ist die Polonia und wie unterstütze ich sie?“ ist aber nicht nur eine Sache der deutschen Politik. Auch auf polnischer Seite darf die Frage gestellt werden, ob die vor zwanzig Jahren auserkorenen Organisationen nach dem großen Wachstum der polnischstämmigen Bevölkerung in Deutschland der letzten Jahrzehnte heute noch geeignet sind, die Polonia in ihrer Breite allein zu repräsentieren. In den letzten Jahren sind quer durch Deutschland aus der polnischstämmigen Zivilgesellschaft heraus neue Organisationen entstanden. Das sind Organisationen mit einem klaren Bekenntnis zu ihren polnischen Wurzeln und mit einem ebenso klaren Bekenntnis zu ihrem Anspruch, sich gewinnbringend für die gesamte deutsche Gesellschaft, das Land, in dem sie heute leben, einzubringen. Vereine zur Sozialberatung nach Deutschland Eingewanderter, Organisationen von polnischen Frauen in Führungspositionen, Initiativen für deutsch-polnische Kulturkooperationen – das Spektrum des neuen zivilgesellschaftlichen Engagements aus der von Polen nach Deutschland gekommenen Bevölkerung ist heute viel breiter als vor 20 Jahren. Großartige progressive und integrative Ideen sind daraus entstanden. Diese Organisationen wollen weder verlängerter Arm der deutschen noch der polnischen Politik sein. Sie fühlen sich von sehr stark auf Tradition und nationale Werte setzenden, zuweilen nationalistisch auftretenden kleinen Vereinen kaum bis gar nicht vertreten. Das drückt sich in Wahlergebnissen in den polnischen Konsulaten in Deutschland aus. Die Polonia in Deutschland wählt bei polnischen Wahlen liberaler. Diesen vielen neuen Organisationen der deutschen Polonia zu wenig Beachtung zu schenken und ihnen an entscheidenden Stellen auf der Seite polnischer Politik kein Mitspracherecht einzuräumen, heißt auch, eine große Chance für die Stärkung der Poloniaarbeit in Deutschland zu verpassen.

Ilona, die vor 30 Jahren als Jugendliche nach Deutschland gekommen war, beantwortete die Frage, ob ihr und ihrem Mann in ihrem Leben in Deutschland Poloniaorganisationen begegnet sind, sehr kurz mit „Nein“, mit Ausnahme der Musikreihe „Koncert Gwiazd“, die sie mehrfach gemeinsam besucht hatten. Das dürfte kein Einzelfall sein. Die polnische Einwanderungsgesellschaft in Deutschland hat sich verändert und es entsteht ein Defizit, wenn diese Veränderungen sich nicht in der politischen Wahrnehmung und Repräsentanz widerspiegeln. Es wird daher Zeit dem gerecht zu werden, die Breite der polnischstämmigen Bevölkerung in Deutschland stärker darzustellen, das neue Gesicht der jungen Polonia weiter nach vorn zu stellen und dieses zuzulassen. Der erste Schritt dazu ist die politische Wahrnehmung dieser Breite. Auf beiden Seiten, in Deutschland und in Polen.

Thorsten Klute

Polonia Beauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen, von 2013 bis 2017 Staatssekretär für Integration in der nordrhein-westfälischen Landesregierung, heute hauptamtlicher Vorstand der AWO Ostwestfalen-Lippe.

Artikel ist im Magazin DIALOG 128 (2019) veröffentlicht

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