Manchmal im Leben bringen unsere sorgfältig ausgearbeiteten und ausgeführten Pläne überraschende oder sogar ungewollte Resultate. So war es mit Nowa Huta. Die Kommunisten wollten eine idealistische, sozialistische Stadt von der Pike auf erbauen. Man scheute in der Hinsicht weder Kosten noch Bemühungen: Die besten Architekten, die modernsten urbanistischen Lösungen, Idealismus während der Realisierung - eigentlich hat man über alles nachgedacht und nichts Unvorhergesehenes dürfte passieren. Die materielle Seite des Projektes - die Stadt selbst - das war ein unglaublicher Erfolg, alles lief „wie geschmiert“, „nach Plan“. Nur der Hauptgedanke, die ideologische Seite - das war ein Reinfall.

Die polnischen Kommunisten und ihre Genossen in der UdSSR haben dabei eine „Kleinigkeit“ nicht berücksichtigt, dass die Polen im Unterschied zu den Russen, die seit den Anfängen ihrer Staatlichkeit immer in einer Form der Untertänigkeit lebten (ob unter Tataren, Zaren oder eben Kommunisten), einfach zur Untertänigkeit nicht passten. Die adelige „Goldene Freiheit“, die Traditionen der Aufstände „für unsere und ihre Freiheit“, sogar das idiotische „liberum veto“ - diese Traditionen saßen so tief in der polnischen Seele, dass ihre Ausrottung innerhalb einiger Jahrzehnte unmöglich war! Schon nach ein paar Jahren Existenz von Nowa Huta verlangten ihre „kommunistischen“ Bewohner den Bau ... einer Kirche. Aber gerade das war für die Kommunisten ein Frevel. In einer modernen sozialistischen Stadt eine Kirche? Nicht zu denken, eine Todsünde! Im Jahre 1960 kam es zur Ausschreitungen zwischen Bewohner der Stadt und der Polizei und den Einheiten von ZOMO. Nach diesem Vorfall erlaubte man - vorläufig - die Aufstellung von einem Kreuz. Und inzwischen ging die Mehrheit der „sozialistischen“ Kinder regelmäßig zum ... Religionsunterricht in einem Zisterzienserkloster, in dem bei Nowa Huta liegenden Dorf Mogiła. Es ist ein berühmtes Kloster, gegründet durch den Krakauer Bischof Odrowąż im Jahre 1222. Ein anderer Bischof, diesmal ein römischer - Johannes Paul II. - hat 15 Jahre später bei den Kommunisten den Bau einer neuen Kirche erzwungen. Entstanden ist die berühmte „Arka Pana“ (Die Arche des Herren), offiziell im Jahre 1977 unter den Namen „Die Kirche der Mutter Gottes, der Königin Polens“ eröffnet. Die Kirche lag in dem westlichen Teil der Stadt, in Bieńczyce, während die Kirche und das Kloster der Zisterzienser im Osten lagen. Auf diese Weise hatten die Bewohner von Nowa Huta jetzt zwei Kirchen zur Auswahl und kürzere Entfernungen. Und in den nächsten Jahren sind die nächsten Kirchen entstanden.... Nach nur 30 Jahren Existenz der Stadt, hat die Vision des Kommunismus aufgehört zu leben! Im Jahre 1980 hat de facto die Gewerkschaft „Solidarność“ die Macht in der Stadt übernommen. Im nächsten Jahr entstand hier die größte Bastion der freien Gewerkschaften in Polen.

Nach dieser „politischen“ Einführung möchte ich Nowa Huta - diese unter jeder Hinsicht besondere Stadt - näher beschreiben. Ich bin in Nowa Huta geboren, es wird also keine Beschreibung auf der Grundlage der Fremdartikel in Zeitschriften, Bücher oder aus dem Internet, sondern „aus der ersten Hand“ - meine ganz persönliche Erinnerung. Ich bin dort geboren als die Stadt fünf Jahre jung war, in einer Wohnsiedlung mit einer damals provisorischen Bezeichnung „A-Zachód“ (A-West), später umbenannt auf „osiedle Ogrodowe“ (die Gartensiedlung). Nach zwei Jahren ist meine Familie nach „osiedle Centrum-C“ (polnisch „osiedle“ = Wohnsiedlung) umgezogen. Die Bezeichnungen der Wohnsiedlungen waren nicht nur originell, sie waren auch sehr praktisch und modern. Statt Straßen-Wirrwarr hat man die Stadt in kompakte, geschlossene Wohnsiedlungen aufgeteilt, wo die miteinander verbundenen Häuserreihen eine unregelmäßige Form eines Trapez oder eines Quadrats bildeten, mit Spielplatz, Kindergarten und einer Grünanlage in der Mitte, im Hof. Es waren große Wohneinheiten mit 5-6-stöckigen Häusern, die zusammen verbunden, mehrere Hundert Meter lang und nur durch einige, schmale Einfahrten von Außen erreichbar waren (eine Art von Wehrsiedlungen mit Häuserzeilen als „Wehrmauer“). Die Häuser wurden aus solidem Ziegel gebaut, die Wohnungen waren hoch (etwa 3,50 m) und für die 50er Jahren recht luxuriös ausgestattet, u.a. überall mit Parkett aus echtem Holz. Es sah sehr schön aus, nur meine Mutter wünschte sich, dass wir das Parkett jede paar Wochen mit einer speziellen „Parkettpaste“ („pasta do podłóg“) bohnerten und dann mit einem Tuch polierten („glancować“). Aber das Schlimmste war das Abschleifen des Parketts („cyklinowanie“). Alle paar Jahre haben wir dann mit meinem Großvater das Parkett (über 75 qm Holz) mit einfachen Werkzeugen per Hand abgeschliffen - eine Mordsarbeit! Auf dem Parkett lagen dann Teppiche, mit Fransen, die wir (meine zwei Schwestern und ich) dann mit einem Kamm kämen mussten, damit sie schön gerade lagen. Von Zeit zu Zeit wurden die Teppiche draußen, auf dem Hof, auf einer speziellen Teppichstange mit dem Teppichklopfer (trzepaczka) geklopft. Normalerweise diente die Teppichstange den kleinen Mädchen als „Turngerät“. Und im Winter wurden die Teppiche auf den frischen Schnee ausgelegt und mit dem Teppichklopfer richtig behandelt.

Die Küche war groß und mit einem großen Fenster. Unter dem Fenster gab es sogar einen schmalen Einbauschrank aus Holz, mit Regalen (z.B. für Töpfe) und mit praktischen Schiebetüren. An die Küche grenzte noch eine Vorratskammer, vielleicht 2 m breit, wo mein Großvater Holzregale einbaute, und wo meine Mutter jedes Jahr etwa 200 „Weckgläser“ mit Kompott, Gurken und passierten Tomaten (alles selbstverständlich selbstgemacht) aufbewahrte. Aus heutiger Sicht, der einzige „Luxus“ der fehlte, waren nur die Tapeten, aber die konnte man in der Zeit noch nicht kaufen (erst später, in der 70er Jahren - zuerst aus der DDR). Man musste also die Wände alle paar Jahre streichen. Insbesondere das Streichen der Decke - das war eine „Herausforderung“ (bei der Wohnungshöhe 3,50 m). Alle Fenster in der Wohnung waren sehr groß (etwa 2 m hoch) und besaßen Doppelverglasung. Auch hier gab es viel zu tun beim Fensterputzen. Die Fensterrahmen musste man zuerst mit einem Schraubenzieher abschrauben und von innen und außen (also vier Scheibenseiten je Fenster) putzen. Ein anderer Luxus für die damalige Zeit waren Bad (mit Badewanne und einer großen Gastherme) und WC extra.

Weil mein Vater als einer der Projektanten von Nowa Huta sehr gut verdiente, hatten wir als  Erste im Block einen Fernseher („Szmaragd“). Ich kann mich noch erinnern, dass plötzlich ganz fremde Leute unangemeldet zu uns kamen, zum Fernsehen.... Aber langsam kauften auch die anderen die Fernsehgeräte und die Besuche fanden ihr Ende (oder hat meine Mutter den nichteingeladenen Gästen was gesagt?). Aber einen Telefonanschluss in den 60er Jahren zu bekommen, das war unmöglich. Wir hatten im ganzen Haus (etwa 35 Parteien) nur zwei Telefonanschlüsse, einer davon bei einer Ärztin (Pani Doktor). Nur damals bräuchte noch keiner so viel telefonieren.... Im Zentrum der Stadt (Plac Centralny) gab es mehrere Telefonzellen, auf dem Postamt gab es zusätzlich Telefonkabinen für Ferngespräche - das reichte vollkommen. Und wenn es eilig war, dann schrieb man einen Brief....

Unser Wohnblock hatte fünf Stockwerke und im Erdgeschoss befanden sich „Delikatesy“, ein Lebensmittelgeschäft mit luxuriösen Artikeln (d.h. bis etwa Ende der 70er Jahren, danach gab es nur „Luxus-Vodka“ und Zigaretten, falls sie noch geliefert waren). Im Haus gab es auch einen Aufzug, der aber sehr oft kaputt war. Wenn man Pech hatte, blieb man zwischen den Etagen stecken und man musste warten bis die Hilfe kam. Über die 5. Etage gab es noch die 6., wo sich ein großer Waschraum befand und ein Dachboden, wo man die Wäsche auf Leinen zum Trocknen aufhängen konnte. Der Waschraum war selten benutzt, weil mit der Zeit alle Bewohner ihre eigenen, kleinen Waschmaschinen (mit einem Gummischlauch auf der Seite) in der eigenen Wohnung hatten. Aber jede paar Monate ging man dort hin um die Wäsche (Bettzeug) zu kochen. Besonders als wir noch kleine Kinder waren, liebten wir diese „Aktion“. Im Waschraum befand sich ein großer Kessel (Durchmesser ca. 2 m), der auf einem Kamin aus feuerfesten Ziegeln stand. Im Kamin heizte man mit Holz und die Wäsche kochte im Seifenwasser. Im Waschraum war es dann sehr warm, feucht - fast wie in den Tropen. Als wir (meine zwei Schwestern und ich) alleine dort waren und unsere Mutter es nicht sehen konnte, stiegen wir mit den Füssen in den Kessel, natürlich wenn das Wasser noch nicht zu heiß war. Etwa in den 70er Jahren wurde der Waschraum abgeschafft, weil die Waschmaschinen, die man Zuhause hatte, immer moderner waren und keiner mehr die Wäscherei unter dem Dach benutzte. Später hat man an der Stelle noch eine zusätzliche Wohnung eingerichtet, so dass wir im Wohnblock seit der Zeit sechs statt fünf Stockwerke hatten.

Etwas Besonderes war der Keller im Haus. Man ging eine sehr lange Treppe hinunter, vielleicht 10 m tief, und dann begann ein Labyrinth aus schmalen Gängen, wo jede Wohnung einen Keller hatte (wir hatten sieben Parteien auf einer Etage, also insgesamt gab es etwa 40 Kellerräume). Meistens wurden dort Kartoffeln für den Winter gehalten. Ein Lastwagen brachte die Kartoffeln etwa im Spätherbst (direkt nach der Ernte), in Säcken je 50 kg eingepackt. Wir bestellten vielleicht acht solche Säcke. Mein Großvater hat aus Holzbrettern eine riesige Holzkiste im Keller angefertigt und dort wurden die Kartoffeln aus den Säcken ausgeschüttet. Als wir noch Kinder waren, war für uns der Gang in den Keller immer ein Abenteuer. Oft war dort die Beleuchtung kaputt und es war immer etwas unheimlich da unten. Das Schlimmste war der Eingang in den Bunker, der zwei Wohnblocks miteinander verband, mit einer dicken Tür (etwa 30 cm) aus Beton - ich vermute, es war ein Atombunker. Wir hatten Angst dort reinzugehen, falls jemand hinter uns diese Tür zugeschlossen hätte....

Nowa Huta wurde durch die besten polnischen Architekten geplant. Die Architekten haben sich dabei nicht - wie in dieser Zeit zu erwarten wäre - an den Plänen von Moskau orientiert, sondern an denen von ... New York. Es handelte sich um architektonische Konzepte „Neighborhood Unit“ aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, die bei dem Plan des Ausbaus von New York genutzt wurden. Die polnischen Architekten der Zwischenkriegszeit hielten rege Kontakte zu amerikanischen Architekten und diese Erfahrungen hat man beim Bau der neuen Stadt genutzt. Die Wohnsiedlungen (osiedla) von Nowa Huta stellen nichts anderes dar, als die amerikanischen „Neighborhood Units“ - eigentlich selbstgenügsam, mit einer Infrastruktur einer selbständigen Mini-Stadt. Zum Beispiel in der Wohnsiedlung „osiedle Centrum-C“, wo ich wohnte, hatten wir folgende Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe, die sich alle im Erdgeschoss der Wohnblocks befanden, und aneinander grenzten (ich zähle sie der Reihe nach auf): Cafe „Stylowa“, Lebensmittelgeschäft „Delikatesy“, „Pasmanteria“ (Alles zum Nähen), „Salon Vita“ (Manicure/ Pedicure), Friseur, Apotheke, ein zweiter, kleinerer Lebensmittelladen mit Selbstbedienung „Sam“, „Papierniczy“ (Büroartikel und Schulsachen), „Filatelistyka“ - Briefmarken (dort hat mir mein Vater schöne Briefmarken aus der ganzen Welt gekauft; am meisten haben mir gefallen die dreieckigen aus San Marino, die kleinen, schmalen aus Frankreich - mit farbigen Wappen der Städte und die britische Königin in allen Farben und Farbtönen), ein Blumengeschäft, eine große Buchhandlung (auf zwei Etagen) und eine Milch-Bar. Darüber hinaus gab es an jeder Ecke der Siedlung einen Kiosk „Ruch“ mit Zeitungen, Zigaretten, etc. Auf der anderen Straßenseite (Aleja Róż), wo sich die nächste Wohnsiedlung befand (osiedle Centrum-B) gab es die nächsten Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe, genauso im Erdgeschoss der Blocks eingerichtet: eine kleine Kunstgalerie, ein Musikgeschäft (dort haben wir Hefte mit Noten gekauft, meistens die Nocturnes von Chopin, Beethovens „Für Elisa“ und ähnliche Anfängersachen, weil als mein Vater mal eine hohe Prämie von seinem Büro „Biprostal“ für die Realisierung irgendwelcher Pläne - vielleicht „6-Jahres-Plan“? - bekam, dann haben meine Eltern ein Klavier der Marke „Legnica“ gekauft und meine zwei Schwester lernten zu spielen), Lebensmittelgeschäft PSS (Abkürzung von „Allgemeine Genossenschaft der Verbraucher“!), ein Möbelsalon, das Reisebüro „Orbis“ (wo man im Vorverkauf die Bahntickets kaufen konnte), ein Juwelier (mit russischen Uhren, aber auch vielen Luxuswaren aus Silber, oder chinesischen Kunstwerken mit Urushi-Lakierung, etc.), ein Geschäft mit Volkskunst der Firma „Cepelia“ (wo es interessante Möbel aus Holz, handgewebte Teppiche, Kleinkunst, etc., gab), ein Restaurant „Arkadia“ (auf zwei Etagen und mit einer Tanzfläche für Dancing) und an den Straßenecken weitere Kiosks. Die Nachbarsiedlungen (osiedle Centrum A und D) besaßen weitere Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe (für mich persönlich war der interessanteste „MPiK“, d.h. „Internationaler Klub der Presse und des Buches“, wo man ausländische Zeitungen, Alben und Bücher kaufen konnte). Alle diese Geschäfte lagen in einer Entfernung von höchstens 10 Minuten zu Fuß von der eigenen Wohnung. Die Siedlungen waren eigentlich selbstgenügsam und die Nachfrage war groß, weil dort mehrere Tausend Menschen lebten, die dank der Hüttenwerke (Stahlkombinat „Huta im. Lenina“) feste Arbeit hatten und gut verdienten. Allerdings dauerte diese Situation nur bis etwa Ende der 70er Jahre, als die polnische Wirtschaft einen vollständigen Kollaps erlitt.

Private Geschäfte gab es in der neu entstandenen Stadt fast gar nicht - mit zwei Ausnahmen: die Bäckerei „U Motyki“ und die „Handwagen mit Sprudelwasser“ („wózki z wodą gazową“), die um den Plac Centralny verteilt waren. Zu dem Bäcker ging man um das frische, köstlich riechende Brot zu holen. Aber es war sehr weit entfernt, am Rande der Stadt, also kaufte man  stattdessen „chleb praski“ (Prager Brot) in „Delikatesy“ für 4 złoty.

Die Handwagen mit Wasser - das war die Domäne der Griechen (die einzige Ausländergruppe der Stadt). Es waren politische Emigranten aus Griechenland, die in den 60er Jahren in Nowa Huta angesiedelt wurden und sich hier sehr gut angepasst und integriert haben. Im Sommer, als man aus der überfüllten Straßenbahn ausgestiegen ist, ging man zuerst zu dem Griechen ein Glas kaltes Sprudelwasser trinken (ohne Fruchtsaft 30 groszy, mit gelbem oder rotem Saft 1 złoty). In meiner Klasse, im Gymnasium, hatten wir auch einen Schüler aus Griechenland (Rusiotis) und der Sportlehrer war auch ein Grieche (Pan Taszycki), der mit einem Akzent „wie ein Kind“ sprach.

Gegenwärtig erzählt man in Nowa Huta Witze über die „amerikanische Herkunft“ der Stadt. Hier so einer „aus der Serie“:

„Herr Edek (70, ein emeritierter Schweißer der Hüttenwerke von Nowa Huta; eine und dieselbe Frau seit Jahren, aber mit großer Schwäche für andere Frauen) glaubt nur an das, dass Nowa Huta nichts am Hut mit dem Kapitalismus hat. Und jetzt, nach so vielen Jahren, erfährt er, dass nicht die Russen seine Welt eingerichtet hatten, sondern Amerikaner, die mal nach dem gleichen Prinzip der Neighborhood Unit wie Nowa Huta, in den 20er Jahren New York ausgebaut hatten. Dann ist meine Wohnsiedlung amerikanisch? Dann bin ich dieser ... Jankes? - fragt Herr Edek und schiebt dabei seine Baseballmütze nach hinten. Und die kommunistische Partei hat diese doch kapitalistische Theorie akzeptiert? Merkwürdig. Dann habe ich nicht in einer socrealistischen Stadt gewohnt, sondern in Amerika? Wenn ich aufdringlicher wäre, dann würde ich eine Entschädigung fordern!“

Persönlich glaube ich nicht, dass die Partei etwas über die amerikanische Herkunft der Pläne von Nowa Huta wusste. Mindestens aus Rücksicht auf Russland würde man es nicht erlauben. Die Architekten haben höchstwahrscheinlich ihre Pläne als eigene vorgestellt, was angesichts des „eisernen Vorhangs“ und fehlenden Kontakte mit dem Westen, gar nicht schwer war.

Aber kommen wir zurück zur Geschichte der Stadt. Der Bau der Stadt Nowa Huta begann am 23.06.1949, und etwa ein Jahr später, am 26.04.1950 begann man mit dem Bau der Stahlwerke „Kombinat im. Lenina“ (feierliche Eröffnung am 22.07.1954). Es gibt verschiedene Theorien, warum man sich ausgerechnet für die Gegend um Krakau für die Realisierung der gigantischen Baupläne entschied. Am meisten ist die „ideologische Theorie“ bekannt, die besagt, dass durch den Bau einer „Arbeiterstadt“ und der Hüttenwerke, das bürgerliche und konservative alte Krakau zerschlagen wird. Es ist etwas Wahrheit in dieser Behauptung. Aber in der Wirklichkeit haben die ökonomischen Aspekte überwogen. Eine Stahlhütte braucht vor allem drei Rohstoffe: Eisenerze (die könnte man aus der Ukraine, aus Kriwoj Rog, mit der Eisenbahnlinie von Krakau über Lemberg transportieren), weiter vor allem Steinkohle (die gab es ganz in der Nähe, in Oberschlesien) und schließlich eine Menge Wasser (die Weichsel vor der Tür). Zusätzlich benötigte man gut ausgebildete Spezialisten, vor allem Ingenieurkader, von denen gab es genug in Krakau (AGH - Akademie für Bergbau und Hüttenwesen und die Politechnika von Krakau). Also, die Entscheidung für die Nähe von Krakau war unter jedem Aspekt gut durchdacht. Mitte der 70er Jahre arbeiteten in der Stahlhütte fast 40 Tausend Menschen und die Hütte produzierte über 6 Millionen Ton Stahl im Jahr (z.B. 1977: 6,7 Mill.T.). Zum Vergleich, es war etwa so viel wie die damalige Stahlproduktion in ganz Australien oder fast doppelt so viel wie die Produktion von Schweden oder den Niederlanden. Die Stahlwerke verbreiteten sich auf einer Fläche von ca. 1000 Hektar - es war ein Riese, wie eine kleine Stadt. Dort gab es nicht nur die Hochöfen (insgesamt sieben) und die Walzwerke, man besaß sogar eigene Koks- und Zementwerke. Inzwischen produziert die Hütte nur noch 1 Million Ton Stahl im Jahr und sie heißt auch anders: „Mittal Stahl Poland“ (verkauft im Jahre 2005 an den indischen Stahlbaron Lakszmi Mittal). Diese Produktionsreduzierung ist bestimmt gut für die Umwelt von Nowa Huta und Krakau, aber für die früheren Mitarbeiter nicht (viele Arbeitslosen).

Zwei breite Straßen in beide Richtungen und eine Straßenbahnlinie in der Mitte (blaue Straßenbahnen, Linie Nr. 4) führten Schnurgerade vom Zentrum der Stadt zu den Stahlwerken. Die Einfahrt zu der Hütte war pompös eingeplant: Zwei große Gebäude im Stil der (Neo-) Renaissance mit Verzierungen (Attika) auf dem Dach wurden allgemein „Dogenpalast“ oder „Vatikan“ genannt. Das war der Sitz der Direktion und Administration. Und in der Mitte herrschte eine noch größere Pracht: Marmor, Spiegel, Holzverkleidung, sogar speziell angefertigte Möbel. Es war gar nicht die bescheidene sozialistische Bauweise, es war purer Luxus der Renaissance. Hier muss man betonen, dass die polnische Architektur der 50er und 60er Jahre nichts Gemeinsames mit dem russischen „Socrealismus“ hatte (eine Ausnahme: Kulturpalast in Warschau, aber der war ein Geschenk der UdSSR). Während die sowjetische Architektur der Zeit sich am Klassizismus orientierte (typische Bebauung von Leningrad/ St. Petersburg), bevorzugte die polnische Seite die Baustile Renaissance und Barock (die Vorlagen: Wawel, Zamość und Kazimierz nad Wisłą).

Die Natur um die Stahlwerke und die Stadt selbst hat viel gelitten - über Umweltschutz sprach man damals kaum. Trotzdem wurden zwischen der Stadt und den Stahlwerken einige Flächen für Erholung und Rekreation geschaffen, die gleichzeitig als „Schutzgürtel“ für die Stadt vor Emissionen der Schornsteine und Hochöfen dienten. Dazu gehörten vor allem ein kleiner künstlicher Stausee „Zalew Nowohucki“, die Wiesen der alten Weichsel „Łąki Nowohuckie“, die Gegend um den Erdhügel „Kopiec Wandy“, die Gebiete entlag des kleinen Weichselzuflusses Dłubnia und entlang der Dämme der Weichsel bei Mogiła und auch dort die Waldgebiete „Lasek Mogilski“. Besonders beliebt war „Zalew“, ein künstlicher See etwa 7 Hektar groß, sogar mit einer kleinen Insel in der Mitte, mit schönen, großen Weiden um den See herum, die im Sommer Schatten spendeten und wo man auf der Decke unter den Bäumen schön faulenzen konnte. Darüber hinaus konnte man dort Angeln und Wassersport (Kajak, Tretboote) treiben.

Etwas Besonderes stellen die sog. „Łąki Nowohuckie“ dar, riesige Wiesen, an der Stelle, wo noch im 18. Jahrhundert die Weichsel floss. Originell ist auch die Lage: Die Wiesen liegen nämlich fast zentral, vielleicht in einer Entfernung von nur 100 Meter vom „Plac Centralny“ der Stadt und dazu sehr spektakulär, weil sie hinter einem steilem Abhang beginnen und sich mehrere Kilometer lang flach wie ein Tisch (auf der Fläche von ca. 60 Hektar) ausbreiten. Die Wiesen sind etwas feucht, überall fließen schmale Bäche, mit Wasserpflanzen und Schilf und im Sommer leuchten die Sumpfdotterblumen (bis heute meine Lieblingsblumen). Tausende Schmetterlinge und Vögel leben dort wie im Paradies - eine Gegend wie geschaffen für ein Naturschutzgebiet und tatsächlich gibt es solche Pläne, unter dem Namen „Plan Starorzecza Wisły“ („Plan der Urstrom der Weichsel“). Im Sommer haben wir dort mit der Familie Picknicks gemacht. Wegen der Größe des Gebietes war es dort still und ruhig. Auf der anderen Seite der Wiesen hat man einen Turm aufgebaut (vielleicht 20 m hoch), wo man mit dem Fallschirm runter springen konnte („wieża spadochronowa“). Aus der Entfernung sah er wie ein Mini-Eifelturm aus. Man müsste noch „Lasek Mogilski“ erwähnen, also die Wälder hinter dem Dorf Mogiła (mit dem erwähnten berühmten Zisterzienserkloster). Es sind die Reste eines uralten feuchten Urwalds, mit Eichen, Ulmen und Eschen, der angeblich genauso aussieht, wie in den Zeiten der Piasten-Dynastie (10.-14. Jahrhundert) und er gehörte früher dem Adelsgeschlecht Odrowąż. Nicht weit von dort befindet sich auch „Kopiec Wandy“, ein Erdhügel etwa 15 m hoch, früher ein Kurhan der Kelten, die hier im 1. Jahrhundert vor Christus lebten. Später - ab dem 5. Jahrhundert - wurde er zur Kultstätte der alten Slaven. Der Sage nach hat sich Wanda, die Tochter Kraks, des Gründers der Stadt Krakau, in die Weichsel geworfen, um einen Deutschen nicht heiraten zu müssen und dadurch Polen in die deutschen Hände zu geben. Es ist nur eine der vielen Legenden. Insgesamt gibt es vier ähnliche Erdhügel um Krakau herum.

Nach diesem „Ausflug“ außerhalb der Stadt (zu den Hüttenwerken und in die Natur) kehre ich zurück zu der neu entstehenden Stadt Nowa Huta. Zuerst wurde die Stadt als selbständig geplant, aber schon bald wurde sie als einer der Stadtbezirke von Krakau eingegliedert (die Entfernung zwischen Nowa Huta und Krakau beträgt höchstens 10 km). Das Zentrum von Nowa Huta bildet „Plac Centralny“ („Zentralplatz“, heute mit dem Zusatz „im. Ronalda Reagana“), ein Rondo mit in fünf Richtungen ausgehenden Straßen und Straßenbahnlinien. Um diesen runden Platz breiten sich kreisförmig die Wohnsiedlungen aus, zuerst die vorher erwähnten Centrum-A,-B,-C,-D und hinter denen die weiteren mit hübschen Namen, wie osiedle Wandy („Die Wanda Siedlung“ ist als erste schon 1949 entstanden), Urocze („Die Schöne“), Willowe („Die Villensiedlung“), Szklane Domy („Die Gläsernen Häuser“), Słoneczne („Die Sonnige“), Kolorowe („Die Bunte“), usw. Der Teil wo wir wohnten, also die Siedlung „Centrum-C“ und die um „Plac Centralny“ herum liegenden Centrum-B,-D,-A - sind zuerst entstanden, noch in den 50er Jahren, dann baute man kreisförmig um den Kern in allen Richtungen weiter.

 

Im Jahre 1950 hatte Nowa Huta fast 19 Tausend Einwohner, 10 Jahre später - im Jahre 1960 überstieg die Einwohnerzahl schon 100 Tausend, und am Ende der 70er Jahre - 200 Tausend (bei einer Fläche von über 100 qkm)! Die Stadt wurde im Eiltempo gebaut, besonders in den 50er Jahren schlug man alle Rekorde. Wir kennen diese Atmosphäre aus dem Film von Andrzej Wajda „Człowiek z marmuru“. Ich habe sie selbst erlebt. Sogar Frauen arbeiteten damals als Maurerinnen. Die Stimmung war wirklich grandios, richtige Aufbruchstimmung der Pionierzeit. Wir waren stolz zu Hause, denn in der „Kronika Nowej Huty“ (Die Chronik von Nowa Huta), die aus dem Anlaß des 10-jährigen Bestehens der Stadt herausgegeben wurde, stand auch etwas über unseren Vater, dass er als Konstrukteur im Projektbüro „Biprostal“ die Arbeitsnormen um 250 oder 350% schlug (heute kenne ich die Zahlen nicht mehr, nur ich frage mich, wie konnte ein Konstrukteur Normen schlagen?). Leider besaßen die neuen, „modernen“ Siedlungen von Nowa Huta, in Bieńczyce und Mistrzejowice, die in den 70er Jahren „wie am laufenden Band“ (Großplatte) entstanden sind, diesen Scharm der „alten Nowa Huta“, die sich um den Plac Centralny und in Richtung Mogiła ausdehnte, nicht mehr. Die alten Siedlungen waren individuell entworfen, mit sehr viel Grünflächen, wirklich fantastisch realisierte, fast utopische „Idealstädte“ oder „Gartenstädte“ (Garden City).

Als Kind verfolgte ich - während ich auf der Fensterbank saß (wir wohnten in der 4. Etage, also die Sicht war im „Panorama-Format“) - den Bau der Wohnblocks gegenüber unseres Hauses, u.a. „Świat Dziecka“ („Die Welt des Kindes“), etwa Anfang der 60er Jahre. Ich kann mich an Lastwagen der russischen Produktion („Gaz“, mit langer Schnauze) erinnern und sogar an die Traktoren, die auf die Baustelle fuhren. Es war ein sehr langes, eher schmales, modernes Haus, mit Geschäften im Erdgeschoss, mit allem, was ein Kind braucht, von Spielzeugen, bis hin zu Kleidern, mit schönen, großen, verglasten Schaufenstern. Die Stadt wurde von Tag zu Tag schöner. Auch Parks sind entstanden, z.B. entlang der Aleja Róż (Rosenallee), die neben unserer Siedlung verlief. Fast direkt neben uns lag auch ein kleiner Park, ebenfalls mit vielen Rosen und mit Bänken zum ausruhen. Später wurde dort, im Jahre 1973, ein sieben Tonnen schweres Lenin-Denkmal aufgestellt, aus Bronze, auf einem Sockel, insgesamt vielleicht 3 Meter hoch. Einer Nacht - es war im Jahre 1979 - wurde die Halbe Stadt durch eine riesige Detonation wach. Bei uns in der Küche (obwohl es die 4. Etage war) sind alle Glasscheiben kaputt gegangen. Es „explodierte“ eben Lenin. Aber der war schon als Lebender hart im Nehmen und auch diesmal ist ihm nicht viel passiert - nur ein Stück von einem seiner Füße ist abgegangen. In den 80er Jahre hat dann das Denkmal ein schwedischer Privat-Kunstsammler gekauft. Wie auch dieser Fall zeigt, wurde Nowa Huta in ideologischer Sicht zum Gegenteil dessen, was sich die Kommunisten erträumten. Nicht nur, dass man nach dem Bau der Kirchen verlangte, auch den Lenin wollte man nicht haben....

 

 

Und die Jugend war in der Hinsicht auch „nicht gelungen“. Sie wollte sich nicht doktrinirren lassen. Sogar zu den Pfadfindern wollten wir nicht gehören, die Sozialarbeit nicht ausrichten und am 1. Mai-Zug nicht marschieren. Wie Feuer mied die Jugend sowjetische Filme (ich konnte angeben, ich habe keinen einzigen gesehen), statt dessen gingen wir in den 70er Jahren ins Kino um amerikanische Filme zu sehen, z.B. „Bullitt“, „Fluchtpunkt San Francisco“ (auf Polnisch „Znikający punkt“) mit Berry Newman im Dodge Challenger auf dem Weg von Colorado nach California oder „Point Blank“ (auf  Polnisch „Zbieg z Alkatraz“). Persönlich mochte ich auch englische, psychologische Filme und einige französische - wenn die Handlung des Films sich in der Gegenwart abspielte. Dank solchen Filmen konnte ich in das wahre Leben des Westens reinschauen, wie die Amerikaner, Engländer oder Franzosen lebten. Es gab damals in Krakau sehr viele Kinos (vielleicht 30?). Es gab Zeiten, da ging ich mindestens einmal in der Woche ins Kino. Wenn man berücksichtigt, dass ich mir ausschließlich Filme mit dem Zusatz USA, GB und F anschaute - dann wird man sehen, dass das Angebot in den Kinos sehr groß war. In Nowa Huta hatten wir auch zwei große Kinos mit schönen slavischen Namen, „Świt“ und „Światowid“ (die alten noch heidnischen Götter der Slaven), aber ich besuchte lieber Kinos in Alt-Krakau (z.B. Kino „Apollo“).

Das Theater war unter den Jugendlichen nicht besonders populär, obwohl wir in der Schule auch einen Theater-Zirkel hatten und jeden Montag jede Familie sich eine Theateraufführung im Fernsehen anschaute. Ins Theater ging man meistens mit der Schule und es passierte oft und regelmäßig. In Nowa Huta gab es auch, schon seit 1955, ein Theater - ein schönes, charaktervolles Gebäude mit einer leichten, originellen Architektur, aber mit eher uninteressantem Namen „Teatr Ludowy“ (Volkstheater). Das Programm hier war aber gar nicht volksnah, eher avantgardistisch und das Theater hatte einen guten Ruf in der polnischen Theaterlandschaft (die berühmten Direktoren waren hier u.a. Krystyna Skuszanka und Józef Szajna). Ich kann mich erinnern, als wir mal mit der Schule zu dem schönsten Theater in Krakau gegangen sind, zum „Słowacki-Theater“, wo konservatives, altes Krakauer Publikum regelmäßig verkehrte. Das Theater - das war ein aristokratischer Luxus, mit vergoldeten Logen, mit dunkelroten Sesseln, mit einem vom Maler Henryk Siemiradzki handbemalten Vorhang-Bild aus dem Jahr 1894, wo im Foyer Champagner serviert wird, etc. Aber wir waren damals in dem Alter, wo man die alten Werte nicht respektieren wollte und am liebsten wollten wir „die Alten“ schockieren. Also statt Champagner haben wir vor der Theateraufführung Bier („chamskie piwo“) getrunken und uns ... saure Gurken gekauft - wegen des Geruchs und ... na ja, es sollte etwas überhaupt Unpassendes für das Theater sein, deshalb saure Gurken (die wir normalerweise nie gekauft haben). Die Situation wurde noch komischer, weil wir (drei Jungs) in unserer Loge eine „perfekte“, alte Krakauerin als Nachbarin bekommen haben. Die Dame war elegant, makellos gekleidet, mit kunstvoller Frisur (als ob sie gerade aus dem Salon käme), mit altem Gold auf den Fingern und um den Hals und mit einer Schachtel besten Krakauer Pralinen in der Hand. Die Dame lächelte freundlich und zeigte keine Panik angesichts der drei hochgewachsenen Hippies mit langen Haaren. Sofort hat sie uns die köstlichen Pralinen angeboten und wir wurden ... schwach. Die Gurken wurden heimlich „luftdicht“ verpackt und versteckt und in der Pause weggeworfen und wir haben uns „mit Kultur“ benommen. Gott sei Dank! Weil unsere Lehrerin, die in der Loge gegenüber saß, uns die ganze Zeit durch ein Theaterfernglas beobachtete.... Also auch in dem Fall hat die kulturelle Atmosphäre des alten Krakaus die ungezähmten Jungs aus Nowa Huta besiegt!

 

Mit der Musik war es ähnlich wie mit den Filmen, wir hörten fast ausschließlich nur englische und amerikanische Musik: Jimi Hendrix (Hey Joe, US-Hymne), Janis Joplin (Me And Bobby McGee), Led Zeppelin (mit Jimmy Page), Deep Purple, Ten Years After (das berühmte Solo von Alvin Lee im I`m Going Home), Eric Clapton (Layla), Chicago und alle Schattierungen von Blues, von John Mayall bis John McLaughlin & Shakti (auch die polnische Gruppe Breakout mit Tadeusz Nalepa und Mira Kubasińska). Unsere Ideale und Idole waren nicht Kolchosen und die Partei, sondern „Hippies“ (es waren die 70er Jahren) und die Musikbands. Für sein letztes Geld kaufte man in „Pewex“ Jeans (meine ersten waren „Wrangler“ für 8 US-Dollar). Die Dollars verkauften Händler, die vor dem Geschäft zufällig „spazierten“. Ich trug damals lange über die Schultern reichende Haare. Im Gymnasium, wo ich zur Schule ging, hat man es erstaunlicherweise toleriert. Ich denke, wir haben uns damals nicht viel von der Londoner Jugend unterscheiden, außer ... in unserem Englisch. Wir hatten zwar eine gute Englisch-Lehrerin (Prof. Borowiak), die selbst einige Zeit in England lebte, leider wollte keiner von uns lernen. Es war nicht „cool“. „Cool“ war es schlechte Noten zu kriegen, zu rauchen und zu trinken. Frau Professor sagte dann immer „Ihr werdet auf dem Laufkran in der Stahlhütte enden“ („Skończycie na suwnicy w hucie“). Die größte Attraktion für uns war es Partys zu feiern und „Climbing“ (wspinanie się w skałkach). „Skałki“ - das waren Felsformationen um Krakau (Jeżmanowice, Bętkowice, Bolechowice, Zakrzówek), wo die Alpinisten trainierten - ein „Eldorado“ für Kletterer.

Angesteckt hat uns mit dem Sport unser Klassenkumpel Paweł, dessen Mutter früher selbst kletterte. Jedes Wochenende und in den Ferien fuhren wir dann in diese „Krakauer Alpen“, ausgestattet mit Seilen (am Anfang aus Sizal, erst später aus Nylon), Haken und Karabinern zum Klettern und oft blieben wir dort für einige Nächte unter den Zelten. Um unsere „Härte“ zu trainieren verzichteten wir auch mal auf die Zelte und schliefen nur unter dem freien Himmel, auf einer großen Zeitung („Gazeta Krakowska“). In den großen Ferien, im Sommer und im Winter, fuhren wir in die Tatra-Berge. Es fehlte uns aber die Ausrüstung. Ich kann mich erinnern, als wir einmal mit meinem Freund Tadek („Teddy“) im Winter eine Gratwanderung vom Morskie Oko unternommen hatten und dabei nur ein Paar Steigeisen („Raki“) für uns beide gehabt haben - also jeder von uns hatte nur ein Steigeisen auf einem Schuh und der andere Schuh war ohne.... Es war nicht ungefährlich. Tatra-Berge unterscheiden sich im Winter von den Alpen fast gar nicht: schroffe Felsen, Schnee, Eis, Lawinen, Wetterumbrüche - alles vorhanden. Und ich hatte sogar keine ordentliche Winterjacke dabei, weil der Reisverschluss meiner Jacke kaputt war, so dass ich die Jacke unserer Freundin Iwona (sie 160cm, ich 182cm) ausgeliehen habe. Das Jäckchen war ziemlich eng, ich sah komisch aus....

Das Gymnasium, das ich besucht habe trug damals einen deprimierenden Namen: „Bolesław Bierut Lyzeum“ (Bierut war Anhänger von Stalin). Heute hat die Schule einen schönen Namen: „Cyprian Kamil Norwid Lyzeum“ (Norwid war ein polnischer avantgardistischer Dichter, der lange Zeit in Paris lebte). Schon in der Zeit als ich die Schule besuchte, war bei uns der Dichter Norwid besonders beliebt und wurde oft im Unterricht gelesen. Einmal hat uns unsere Polnisch-Lehrerin Wanda (die alle Jungs besonders attraktiv fanden) zum Unterricht Kassetten mit Musik vom polnischen Rock-Idol Czesław Niemen mitgebracht, der dabei die Gedichte von Norwid singt. Es war ein riesiger Erfolg, für Lehrerin, für Niemen und für Norwid. Mindestens seit der Zeit waren wir von der Poesie von Norwid fasziniert. Zur Schule hatte ich es nicht weit, etwa 7 Minuten zu Fuß. Es war sogar zu kurz, weil ich unterwegs mit meinem Freund Janusz erregt über Fußball oder Autos diskutierte. Wir spielten zusammen in jeder Pause Fußball (auch mit einem Mini-Ball, meistens zwei gegen zwei) oder nach der Schule mit der Mannschaft. Unsere „Spezialität“ waren Ecken: Janusz zentrierte im Stil von Backham direkt auf meinen Volley.... Beide sammelten wir auch Auto-Prospekte und wir schrieben nach ganz Europa um Broschüren zu bekommen. Die großzügigsten waren in der Hinsicht die Schweden (Volvo, SAAB), die Engländer auch (ich hatte sogar Prospekte von Rolls-Royce und Land-Rover), nur die Deutschen wollten uns nichts schicken. Und wenn eine Auto-Rallye in Krakau startete, dann fuhren wir beide mit Janusz in die Stadt um die Rallye-Autos zu sehen (u.a. Alpine Renault, Lancia Fulvia, Porsche 911).

Überhaupt lebten wir mehr im alten Krakau als in Nowa Huta. Oft bin ich noch nach der Schule nach Krakau mit der Straßenbahn gefahren, um einfach durch die alten Gassen zu bummeln. Die Fahrt dauerte vom Zentrum von Nowa Huta („Plac Centralny“) bis Basztowa- Straße (Ulica Basztowa) etwa 15 Minuten, von dort zu Fuß weiter, bis Barbakan, durch    Florians-Tor (Brama Floriańska), entlang der Floriańska-Straße (ulica Floriańska) und dann kam schon der Markt, links die Marienkirche (Kościół Mariacki) mit dem berühmten Veit Stoß Altar und rechts, in der Mitte des Marktes die Tuchhallen (Sukiennice). Wenn man quer nach rechts über den Mark ging, dann kam man auf der gegenüberliegenden Seite zur  Gołębia-Straße mit der Jagiellonen-Universität und etwas weiter zum ehrwürdigen Collegium Maius, das älteste erhaltene Gebäude der Universität aus dem 15. Jahrhundert - mein Lieblingsort zum Nachdenken und Reflexion. Dort atmete man die Luft des Mittelalters und der Renaissance, dort spazierten mal Kopernikus und andere Humanisten.

Mein zweiter Lieblingsort war Czartoryski-Museum, wo man in Filzpantoffeln durch die Säle flitzte, von einer Epoche in die andere, von Husarenrüstung bis in die Bildergalerie, wo man mit der „Dame mit dem Hermelin“ (Dama z Łasiczką) lange Blicke austauschte und dabei mit dem Meister Leonardo da Vinci ganz leise plaudern konnte. Als ich dann das Studium an der Jagiellonnen-Universität begonnen habe, verlegte sich mein Lebensschwerpunkt gänzlich nach Krakau. Die meiste Zeit verbrachte ich dann im Geographischen Institut an der Grodzka-Straße 64, in dem alten Gebäude, das quer gegenüber von „Kurza Stopka“ (Hühnerfuß), dem berühmten Eckturm von Wawel aus dem 15. Jahrhundert, stand. Die Pausen zwischen Seminaren und Vorlesungen verbrachte ich meistens im Cafe Santos, auch an der Grodzka-Straße, nicht weit vom Institut entfernt. Zusammen mit meinem Cousin Jurek, der damals Geschichte an der Uni (UJ) studierte, gingen wir von Zeit zu Zeit in die Weinkeller „Baryłeczka“ (Wein-Fässchen), tranken „Żilavka“ und „Kadarka“ (gute jugoslawische Weine) und führten „intellektuelle“ Gespräche, wie zwei „Żaki Krakowskie“ (so hießen die Krakauer Studenten in der Renissance-Zeit).

Manchmal mochte ich auch die modernen Stadteilen von Krakau zu besuchen, z.B. die Gegend des luxuriösen Hotel „Cracovia“ (das übrigens auch mein Großvater mitgebaut hatte), wo die Touristen aus Westeuropa übernachteten. Dort auf dem Parkplatz parkten westliche Autos - es war für mich wie ein Ersatz für einen „Autosalon“. Meine Favoriten damals waren: Alfa Romeo 1750 GTV, Citroën D21 Pallas, Mini Cooper und Volvo 144. Die meisten Touristen dort kamen aus Frankreich und Italien. Die Deutschen sah man damals noch nicht. Aber um ehrlich zu sein, muss ich sagen, dass für uns Deutschland (damals RFN) auch uninteressant war. Die Leute waren nicht „cool“ (außer Günther Netzer), Mercedes war auch nicht unser Traum, weil der Wagen mehr zu dicken Kapitalisten passte, als zu sportlichen und lockeren Jungs, und das Land selbst assoziierten wir nur mit dem Ruhrgebiet. Meine einzige Berührung mit der deutschen Kultur waren „Die Aphorismen“ von Schopenhauer und „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche - nur deshalb, weil die beiden, genauso wie ich, fasziniert von der indischen Philosophie waren. Ich las damals - statt der Philosophie von Marx und Engels - alles was ich über Buddhismus und eben die klassische indische Philosophie (z.B. die Upanishaden) finden konnte. Ich übte auch regelmäßig Yoga und ich meditierte im Lotossitz. Ich bin mir nicht sicher, ob die Jugend in San Francisco oder New York, es früher oder später praktizierte als ich - „Nowohucianin“ aus der kommunistischen Nowa Huta, Anfang der 70er Jahre.

Und jeden zweiten Sonntag (falls wir nicht Klettern fuhren) gingen wir die Spiele unserer Lieblingsmannschaft „Cracovia“ sehen. Es war ein traditionsreicher Klub, 1906 gegründet, ein fünffacher polnischer Meister, allerdings sehr lange her (1921, 1930, 1932, 1937 und 1948) und die Mannschaft spielte damals in der 3. Liga.... Trotzdem waren wir da und auch immer am 1. Januar, als traditionell die Mannschaft ihr erstes Training im Neuen Jahr absolvierte - eigentlich immer im Schnee! Und nach dem Spiel gingen wir Bier trinken, oder wir waren auf der Suche nach einer Kneipe, wo es Bier gab - es gab Engpässe....

Zum Schluss über die Ansichten der Jugend aus Krakau und Nowa Huta (ich betone „und“,  weil es zwischen uns keine Unterschiede, außer eben dem Wohnungsort, gab). Es war eine Mischung der anglo-amerikanischen Kultur, die wir lebten. Politisch waren unsere Ansichten ganz klar: wir waren auf der Seite des Westens und gegen Kommunismus. Unser Verhältnis zu Deutschland war überhaupt nicht negativ! (nur auf die DDR schauten wir mit etwas Ironie und Mitleid, wegen ihrer „Untertänigkeit“ gegenüber der UdSSR und der politischen „Ängstlichkeit“ der Bürger). Nur, wie gesagt, Deutschland imponierte uns nicht, die deutsche Kultur war einfach uninteressant für uns, weder die Sprache, noch Filme oder der Lebensstil. Ich kann mich erinnern, als ich mal in Schlesien war, und die dortige Jugend die deutsche Musik hörte - es war wirklich ein „Kulturschock“ für mich! Ich konnte damit absolut nichts anfangen.

Meine Vorliebe für „English Way of Life“ habe ich wahrscheinlich aus der Schule mitgebracht, als ich Englisch und die englische Kultur lernte. Ich denke, die Jugend die Deutsch in der Schule lernte, hatte ein ganz anderes Verhältnis zur deutschen Kultur als ich (nur diejenigen, die Deutsch in Krakau lernten, waren sehr selten). Ich hingegen kannte alle Ergebnisse der englischen Fußballliga (damals waren Liverpool und Leeds die besten), in der Bibliothek lieh ich nur die englische Literatur aus und im Kino liebte ich die modernen englischen psychologischen Filme. Schon als Kinder bewunderten wir im Fernsehen „Sir Lancelot“, und später „Simon Templer“ (und seinen Volvo P1800S). Zu diesem „englischen“ Bestandteil unserer Kultur in den 60er Jahren, der sich noch durch die Erfolge von „The Beatles“ (deren Hits wir alle komplett aufgenommen hatten) verstärkte, kamen in den 70er Jahren die amerikanischen Einflüsse, besonders durch die Kinofilme „Made in USA“ und die Lebensphilosophie der kalifornischen „Blumenkinder“ (Flower-Power) hinzu. Viele Einwohner von Krakau und in Südpolen hatten ihre Familie in den USA (zahlreiche Nachkommen der Auswanderer aus Galizien), oder sie fuhren selbst oft in den Westen. Auch dank dessen wurden wir über die aktuellen Trends und die Mode bestens informiert. Wir kannten alle Auftritte während des Konzerts in Woodstock, und als im Westen das Album „Jesus Christ Superstar“ erschien, hatte ich es schon zu Hause.

So sah das Leben der Jugend von Nowa Huta aus. Eben dieses diametral verschiedene als „geplant“ Ergebnis der Erziehung und Gestaltung einer neuen „sozialistischen Generation“ in einer neuen Stadt - das ist eines der Paradoxe von Nowa Huta.

 

Jerzy Ziaja

 

 

 

 

 

 

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