Marcel Philipp seit 2009 Oberbürgermeister der Stadt Aachen, der sich im Jahr 2014 für weitere 5 Jahre die Karlsstadt „liebgewonnen hat“. Laureat des Polonicus 2019.

 Marcel Philipp wurde am 7. Mai 1971 im Aachener Stadtteil Burtscheid geboren. Er besuchte von 1981 bis 1990 das Bischöfliche Pius-Gymnasium Aachen.  1989 trat er in die CDU ein.  Nach Absolvieren des Grundwehrdienstes der Bundeswehr begann er 1991 eine Malerlehre (Restaurator im Malerhandwerk) im elterlichen Betrieb in Burtscheid, der von ihm ab 1996 in dritter Generation als geschäftsführender Gesellschafter und Betriebswirt des Handwerks weitergeführt wurde. Diese Tätigkeit ließ Marcel Philipp jedoch ruhen, nachdem er im Jahr 2009  das Amt als Oberbürgermeister der Stadt Aachen von seinem Vorgänger Jürgen Linden übernahm. Am 25. Mai 2014 wurde er mit 50,5 % im Amt bestätigt.

Ich gratuliere Ihnen herzlich und freue mich, dass Sie den Polonicus – Preis begrüßt haben!

Wenn Sie das Wort „Polonia“ hören, welcher ist der erste Gedanke, erste Assoziation?

Marcel Philipp: Natürlich weiß ich, dass „Polonia“ das lateinische Wort für Polen ist und  dass dieses Wort aber im Polnischen für die polnische Diaspora, also die im Ausland lebenden Polen, verwendet wird. Mein Wissen über diese Bedeutung des Begriffs habe ich der jährlich stattfindenden Polonicus-Verleihung zu verdanken. Deshalb ist zwischen tatsächlich die „Polonia“ außerhalb Polens das erste, woran ich denke, wenn ich das Wort höre.

Vor einem Jahr zum 10 Jubiläum des Polonicus-Preises sagten Sie: „ Unsere Stadt, deren kommunale Grenzen zugleich Staatsgrenzen zu zwei Nachbarländern sind, versteht sich schon alleine auf Grund dieser Gegebenheiten als Europastadt. Das bedeutet vor allem, dass wir Brückenbauer sein wollen, um die europäischen Gemeinsamkeiten aufzubauen, zu festigen und zu stärken. Die Polonia in Deutschland und in der Euregio-Maas-Rhein ist ebenso wie unsere Stadt ein Brückenbauer, der uns zugleich daran erinnert, dass unsere im äußersten Westen gelegene Stadt auch zum östlichen Nachbarn, zum polnischen Volk schaut“.

                              

Würden Sie bitte kurz erläutern in welcher Art und Weise die Stadt Aachen „zu polnischen Nachbarn schaut“? Was haben Sie gemeint? Städtepartnerschaften, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Schulpartnerschaften, oder?

Marcel Philipp:  Im Auge hatte ich zunächst die Brückenbauerfunktion der in Deutschland lebenden Polonia. Das sind ja Polinnen oder Polen, manche auch mit doppelter Staatsangehörigkeit, in jedem Fall Menschen, die sich der polnischen Sprache und Kultur verbunden fühlen. Diese Bürgerinnen und Bürger kennen durch das Leben in zwei Kulturen beide Seiten, die deutsche und die polnische, sehr genau: die Mentalitäten und Empfindlichkeiten, die verbreiteten Sichtweisen, Stereotypen und Vorurteile, auch die komplizierte Geschichte zwischen beiden Ländern. Diese Menschen sind die idealen Botschafter für einen Prozess der Wiederannäherung, sie sind Mittler zwischen den Völkern.

Brückenbauer sind aber auch die Polen selbst. Der polnische Papst Johannes Paul II. sprach einmal davon, dass Europa mit zwei Lungenflügeln atmen müsse, mit dem westlichen und dem östlichen. Polen ist eine der Brücken zum östlichen Europa, das untrennbar zum Kontinent gehört, wenn auch die meisten Länder Osteuropas noch nicht zur Europäischen Union gehören. Für die Zukunft aber wird darin eine besondere Herausforderung und Aufgabe für Polen als Mitgliedsland der EU liegen. Es kann Mittler sein, Europa in seiner Gänze in den Blick zu nehmen.

Wir Aachener blicken mit Sympathie auf unsere polnischen Nachbarn, als sie wie wir die besondere Erfahrung der Chancen, Risiken und Potenziale grenzüberschreitender Sichtweisen kennen. So bereichern wir gemeinsam den gesamteuropäischen Diskurs um die Zukunft unseres Kontinents.

Für Polonia in Deutschland ist die Stadt Aachen das Herz Europas, die Hauptstadt Europas. Nicht nur auf Grund deren Lage und Geschichte, aber vor allem auf Grund interkultureller Haltung und Gastfreundlichkeit. Wie würden Sie Bürger polnischer Abstammung beschreiben? Gibt es Ihrer Meinung nach besondere Merkmale?

Marcel Philipp:  Polen oder Menschen polnischer Abstammung sind nicht uniform gleich, sie sind genauso vielfältig in ihren politischen, religiösen, weltanschaulichen Ansichten und Mentalitäten oder charakterlichen Eigenschaften wie die Belgier, die Franzosen, die Niederländer oder die Deutschen. Ich glaube nicht, dass es den Polen an sich gibt. Was aber gewiss die bei uns lebende Polonia in unsere Stadtkultur einbringen kann, ist die besondere Erfahrung, die Polen in seiner Geschichte gemacht hat und von der leider viele Deutsche kaum eine Ahnung haben.

Herr Oberbürgermeister, Sie wurden mit dem Polonia Preis ausgezeichnet, welche Bedeutung hat für Sie diese Tatsache?

Marcel Philipp: Ich fühle mich hoch geehrt durch diese besondere Auszeichnung. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass gerade Polen und Deutsche gemeinsam die Zukunft Europas gestalten. Vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte mit all ihren Konflikten und Tiefpunkten muss dies unsere gemeinsame Aufgabe sein.

Was assoziieren Sie mit dem Preis?

Marcel Philipp:  Wenn ich die Liste der großartigen Persönlichkeiten sehe, die bisher mit der Auszeichnung bedacht wurden, werde ich ganz demütig. Es sind Menschen, die ihr Lebenswerk der Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen, der Aussöhnung und der europäischen Zukunft gewidmet haben. Für mich ist die hohe Anerkennung, die mir widerfährt, ein Ansporn, alles daran zu setzen, dass zwischen Deutschen und Polen eine dauerhafte Freundschaft-und Vertrauensbeziehung entstehen kann.

Sind Ihnen die anderen Preisträger bekannt? Dr. Prawda, Frau Slomka, seine Exzellenz Erzbischof Muszynski?

Marcel Philipp:  Persönlich kenne ich die Mit-Preisträger noch nicht, freue mich aber aufrichtig darauf, ihre Bekanntschaft zu machen.

Sie haben den Polonicus Preis „für die Förderung des deutsch-polnischen Dialogs“ bekommen. Wie würden Sie derzeitige „Zusammenarbeit“ oder das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland beschreiben?

Wie kann man den Dialog fördern?

Marcel Philipp:  Polen und Deutsche sind seit mehr als 1000 Jahren Nachbarn in der Mitte Europas. Beide Kulturen haben einander beeinflusst, trotz aller Asymmetrien, die es aufgrund der unterschiedlichen Größen beider Länder gab und gibt. Allerdings war das Zusammenleben der Polen und Deutschen vor allem im 20. Jahrhundert konfliktreich, ja tragisch. Polen hat unendlich gelitten unter dem von deutschen entfesselten Zweiten Weltkrieg und der äußerst brutalen Besatzung. Diese historische Hypothek belastet mitunter das Verhältnis zwischen beiden Völkern. Der ehemalige deutsche Fernsehen-Korrespondent in Warschau, Peter Bender, hat das komplizierte Verhältnis in den zutreffenden Satz zusammengefasst: Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen. Manchmal erleben wir es auf der hohen politischen Ebene, dass schon ein falsches Wort eine Krise in den binationalen Beziehungen auslösen kann.

Trotz der historischen Probleme und der manchmal auftretenden Meinungsverschiedenheiten zwischen unseren Regierungen scheint mir, dass die Beziehungen zwischen unseren Völkern sich in den letzten Jahrzehnten äußerst positiv entwickelt haben. Es gibt eine Vielzahl und eine große Bandbreite unterschiedlichster Vernetzungen, bei denen sich Menschen von diesseits und jenseits der Oder begegnen, einander kennenlernen, Freundschaft schließen und manchmal sogar einen Lebensbund miteinander begründen. Das ist etwas Wunderbares, darin stecken Potenziale für unsere gemeinsame Zukunft. Wir alle sollten uns aufgerufen fühlen, daran mitzuwirken.

Bundeskanzlerin, Frau Merkel hat den „Viadrina – Preis für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ nicht angenommen.  Was ist Ihre Meinung dazu, wenn ich fragen darf?

Marcel Philipp:  Diese Sache kann ich überhaupt nicht beurteilen, zumal die Bundeskanzlerin, soweit ich es überblicke, keine Erklärung für Ihre Entscheidung gegeben hat. Interessant fand ich allerdings, dass die Vorsitzende des Kuratoriums dieser Auszeichnung in  Berichterstattung über den Vorgang den Viadrina-Preis als „Karlspreis des Ostens“ bezeichnete. Offensichtlich ist der Aachener Karlspreis eine Referenzgröße für andere europäische Preise.

 Die Europawahl steht vor der Tür! Haben Sie Ihre Favoriten? In welche Richtung wird sich EU bewegen?

Marcel Philipp: Meine große Hoffnung ist, dass die demokratischen Kräfte Europas gestärkt aus der Wahl hervorgehen und den Europa-Gegnern, den Nationalisten und Populisten, die Europa zerstören wollen, eine Absage erteilt wird. Davon hängt entscheidend ab, in welche Richtung sich Europa bewegen wird.

Sie sind in Aachen geboren, aufgewachsen, Sie haben hier gelernt, hier wurden Sie politisch aktiv, hier haben Sie Familie gegründet - „Sie sind ein Aachener“ – was bedeutet das für Sie? Wie ist „Ihr“ Aachen? Haben Sie nie nachgedacht die Stadttore zu verlassen?

Marcel Philipp: Es gab in meinem Leben nie einen Grund, darüber nachzudenken, ob ich Aachen verlassen sollte. Ich liebe diese Stadt, ihre Menschen, die offene Atmosphäre, das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, weltanschaulicher Prägungen und Religionen und auch die Zusammenarbeit zwischen allen demokratischen Kräften sowie die Kooperationen über die Staatsgrenzen hinweg, die bei uns immer auch kommunale Grenzen sind.

 Herr Oberbürgermeister, Sie haben zwei Kinder – die Zukunft, wie wird Europas Zukunft aussehen? Was wünschen Sie  dem großen Friedensprojekt „Europäische Union“?

Marcel Philipp: Für sie und ihre Nachkommen wünsche ich mir, dass sie auf ihrem Lebensweg dasselbe Glück haben, das ich hatte: in einem demokratischen und friedlichen Europa aufzuwachsen, in dem die Staaten und Völker sich nicht voneinander abkoppeln und abgrenzen, sondern kooperieren. Ich wünsche mir, dass die künftigen Generationen unseren Kontinent weiterentwickeln, den europäischen Geist weitertragen, weil es keine Alternative dazu gibt. Und ich würde mich freuen, wenn alle Polen und Deutschen schon heute daran mitwirken würden, dass diese Zukunftsvision Wirklichkeit werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Es sprach Joanna Szymanska, Institut Polonicus, Mai 2019

Texthinweise, vgl.:

 https://www.wikizero.com/de/Marcel_Philipp

http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/oberbuergermeister/lebenslauf/index.html

http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/oberbuergermeister/topthema.html

 

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