Von links: Agnes Oberauer, Anna Aneta Bertram, Sophie Delest

Was bedeutet „Heimat“ in Deutschland, Italien, Polen oder Syrien? Was für eine Bedeutung hat dieser Begriff für jeden einzelnen Menschen und wie ändert sich seine Bedeutung in der kollektiven Wahrnehmung einer bestimmten Nation und letztendlich in einer Welt ohne Grenzen? Wie soll eine Nation in einer globalisierten Welt die kosmopolitischen Erwartungen dieser Welt erfüllen, wenn sie von der Geschichte keine Zeit bekam, den in der Realität seines Partners als veraltet wahrgenommenen Begriff von einer Heimat zu erleben und ihn an die kommende Zeit anzupassen?

Zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens bearbeitete die Germanistin und Künstlerin Sophie Delest das Projekt „Eine Nation als Produkt ihrer Geschichte“, das eine Art Forschungslabor sein soll, das sich mit der Frage befasst, wie die Geschichte die Mentalität bestimmter Nationen und ihr Vokabular formt. Das Projekt wird im Rahmen der vom Deutsch-Polnischen Hilfsverein POLDEH e.V. in Braunschweig organisierten Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Polens realisiert.

 Workshopteilnehmerin

Ich plane keine geschichtliche Rekonstruktion – erklärt die Projektleiterin Sophie Delest. – Als Ausgangspunkt für meine Erzählung wählte ich die Problematik, die heutzutage das gesamte Europa bewegt. In Anlehnung an die Geschichte der polnischen Großen Emigration im 19 Jh. beschloss ich, das Schicksal von Migranten unter die Lupe zu nehmen, wobei ich mich entschied, auf verschiedene Gründe hinzuweisen, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Wir haben Angehörige verschiedener Nationen zur Teilnahme am Projekt eingeladen. Unter ihnen sollen Personen sein, die – wie ich und viele andere POLDEH-Mitglieder – sich freiwillig entschieden haben, im Ausland sesshaft zu werden. Darüber hinaus sind uns Flüchtlinge willkommen, die Menschen also, die aufgrund bestimmter politscher Situationen gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Es ist mir auch gelungen, den Kontakt zu den nach Osten entführten Menschen und zu „Heimkehrern” aufzunehmen. Die letzteren sind eine Gruppe untypischer Migranten, die quasi in die „Gegenrichtung“, nicht aus der, sondern in die Heimat zurück migrieren. Wir planten künstlerische Workshops für sie. Die Form des Treffens spielt an solche Personen wie Chopin und Mickiewicz an, die mit Hilfe der Kunst zu ihrer geliebten und verlorenen Heimat zurückkommen konnten. Ich möchte, dass die Workshopteilnehmer uns mit Hilfe ihrer Collagen von ihrer Heimat erzählen. Die Ergebnisse werden mit Sicherheit unterschiedlich sein. Dies sehe ich schon jetzt nach den Gesprächen mit Polen und Deutschen, und es sind genau diese Unterschiede, die ich später analysieren und zeigen will. Das Bild der Polen wird aufgrund der gegenseitigen Vergleiche entstehen.

Mit der für den 19.10.2018 geplanten Ausstellung im Haus der Kulturen in Braunschweig geht das Projekt in die nächste Phase über. Gast der Ausstellung wird Dr. Andreas Moser sein, der einen Vortrag über Sprache und deren Begriffe halten soll. Das ist allerdings nicht alles. Um die Komplexität der Migrantenschicksale aufzuzeigen, plant Sophie Delest ein Treffen Projektbeteiligter mit Ellen Schernikau, dem literarischen Alter Ego des Buches „Irene Binz. Befragung”, die von ihrem bewegten Leben nach der Flucht als DDR-Bürgerin in die Bundesrepublik Deutschland und von ihrer für viele Westdeutsche unverständlichen Sehnsucht nach ihrer Heimat erzählen soll.

Was hat das alles jedoch mit der Geschichte Polens zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Und doch stellt Deutschland eine Art Brücke dar zwischen dem von Spaltungen, Teilungen und Besatzungen geprägten Osteuropa und den Ländern im europäischen Westen, deren geschichtliche Entwicklung eine andere gewesen ist. Nun hat Deutschland im 20. Jahrhundert ein ähnliches Schicksal erfahren wie die osteuropäischen Länder zuvor: die Teilung in Ost und West. Inzwischen, nach über 40 Jahren des Realsozialismus, scheinen sich „Ossis” besser mit Polen zu verstehen als mit ihren Landsleuten aus der ehemaligen BRD. Das habe ich oft beobachtet. Im Übrigen gründet Deutschland auf einer föderalen Vereinigung seiner Länder (Bundesländer). Unter dem Strich heißt das: andere Länder, andere Sitten. Viele Migranten, die nach Deutschland kommen, sind sich dieser Unterschiede oft nicht bewusst. Sie bringen uns im Projekt ihre eigenen Sprachgewohnheiten näher und ich versuche, ihnen die des Gastlandes zu „übersetzen”. Und zum Schluss ist das Heimweh ein Schicksal fast aller Migranten. Es verbindet sie miteinander wie ein unsichtbarer Faden. Befassen wir uns mit diesem Gefühl näher, führt die Projektleiterin fort, fällt es uns leichter, zu verstehen, wie sich Chopin gefühlt haben muss, als er in Paris seine Klavierkompositionen ersann, die von so vielen Motiven polnischer Volksmusik durchdrungen sind.

Das ganze Projekt ist ziemlich ambitioniert. In seinem zweiten Teil will Sophie die individuellen Schicksale sammeln und sie ins Schicksal einer Nation einbinden. Als Medium wählte sie eine Theateraufführung, zu derer Realisierung sie die am Thalia-Theater in Hamburg tätige Theaterregisseurin Agnes Oberauer einlud.

Mit Agnes hatte ich das Vergnügen, zusammen bei der mehrsprachigen Inszenierung von „Romeo und Julia“ im Schlosstheater in Celle zu arbeiten, und ich war von dieser Zusammenarbeit begeistert.  Sie ist eine junge Frau mit grandiosen Ideen.  Als Österreicherin, die in der Ukraine aufgewachsen ist, in Großbritannien studierte und in Deutschland lebt, fasziniert sie das Thema der Migration und die Sprache als Kommunikationsmittel. Ich habe gelesen, dass Polnisch jenen europäischen Sprachen angehört, die sich im Verlauf der letzten 300 Jahre am wenigsten verändert hätten. Auch das ist eine Folge unserer Geschichte. Als ich Agnes vom Projekt erzählte, war sie sofort fasziniert und einverstanden, dabei zu sein, erklärt die Künstlerin.

Theaterprobe für die Theateraufführung "In diesem Körper war eine Seele von Millionen Wesen"

Nach der Theateraufführung soll eine Podiumsdiskussion mit dem Dozenten der Universität Gießen Dr. habil. Frank Schuster stattfinden, der als Experte sowohl für die Geschichte Ost- und Mitteuropas als auch für Migration gilt. Frank Schuster hat viele Jahre in Polen verbracht, wo er an zahlreichen Symposien teilnahm, darunter mit dem ehemaligen Außenminister Polens, Władysław Bartoszewski.

Das Konzept sieht für jede Projektphase vor, polnische Geschichte von den Teilungen bis zur Gegenwart Schritt für Schritt zu erzählen und gleichzeitig einen eigenen Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis in der heutigen, globalisierten Welt zu leisten. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass all meine großen Pläne ohne die daran beteiligten Menschen graue Theorie geblieben wären. Daher gebührt ihnen der größte Dank, allen voran der Vorsitzenden des Deutsch-Polnischen Hilfsvereins POLDEH e.V., Frau Aneta Anna Bertram, die mir einen großen Vertrauensbonus gewährt hat. Ich zog erst vor Kurzem nach Braunschweig, und doch scheute Frau Betram sich nicht, sich einer Fremden und deren Vorhaben sofort anzunehmen. Im Gegenteil, von Anfang an hat sie mich in allen organisatorischen Fragen unterstützt. Ich möchte darüber hinaus noch anderen POLDEH-Mitgliedern herzlich danken Renata Gröger-Kania, Elżbieta Walentek, Adam Ben Jaafar, die das Projekt engagiert und selbstlos vorangebracht haben. Dankesworte richten wir auch an die „Sanddorf-Stiftung” und „Demokratie leben”, die unser Projekt für wichtig genug hielten, um uns mit Fördergeldern großzügig zu unterstützen. Selbst die besten Ideen kosten Geld, leider waren nicht alle bereit, bei der Umsetzung unseres Projekts zu helfen. Die Bereitschaft zur Hilfe bekundete jedoch als erste die „Sanddorf-Stiftung”, die uns eine recht hohe Summe zusicherte. Das Antwortschreiben der Stiftung bescherte uns einen der schönsten Tage überhaupt, denn es bedeutete gleichzeitig grünes Licht für das Projekt. Dessen ungeachtet hatten wir nach wie vor nicht genug Mittel für die Umsetzung aller im Projekt vorgesehenen Events. Die drauffolgende positive Antwort seitens „Demokratie leben” erschien uns daher wie ein Geschenk, bemerkt Sophie.

Comic von Magda (10)

In der Zwischenzeit erhielt POLDEH Nachricht aus Warschau: Wspólnota Polska samt Senat RP entsprachen dem Projektantrag „Zabawki pożyteczne”, sodass das neue, an Kinder und Jugendliche gerichtete Projekt auch endlich starten konnte. Bereits seit Wochen trifft man sich zu gemeinsamen Workshops, bei denen die jungen Menschen Geschichte und Traditionen der Heimat ihrer Eltern und Großeltern entdecken. Für die zweite Septemberhälfte ist ein dreitägiger Ausflug nach Posen geplant – in eine der einstigen Hauptstädte Polens. Vor Ort soll die Ideengeberin des Projekts, Frau Dr. Ewa Herfordt, einige bildungsfördernde Aktivitäten mit den Kindern durchführen. Sophie bot ihrerseits an, im Rahmen des Projekts in Braunschweig kunstgeschichtliche Workshops zum Thema „Warschaus Geschichte in Comics” zu realisieren, berichtet Frau Bertram. Sophie ergänzt: Warschau wurde offizielle Hauptstadt Polens erst nach dem Ersten Weltkrieg und nicht schon im Jahr 1596, wie in vielen Büchern noch immer nachzulesen ist. Denn nach seiner Krönung und dem Umzug in die Stadt ein Jahr später erklärte der polnische König Sigismund III. Waza Warschau lediglich zur Residenzstadt Seiner Königlichen Majestät. Den Status einer Hauptstadt erlangte Warschau erst vor 100 Jahren. 2018 ist ein großartiges Jahr, um an dieses Ereignis zu erinnern. Parallel dazu planen wir einen virtuellen Rundgang durch Warschau mit Erwachsenen und einen Ausflug nach Magdeburg, dies allerdings fern jeglicher Projektzusammenhänge. In Magdeburg saß Józef Piłsudski in Festungshaft, und von dort aus, was nur wenige wissen, hatte er Macht über die unabhängige Republik Polen übernommen.

Die Vorstellung der Ergebnisse aus beiden Projekten ist für den 17.11.2018 während des vom POLDEH organisierten „Polnischen Kulturtages” geplant. In den historischen Räumen der „Alten Dornse“, die die Stadt Braunschweig dem Verein aus diesem Anlass zur Verfügung stellt, soll insbesondere an die Wiedererrichtung der polnischen Eigenstaatlichkeit 1918 erinnert werden.

Die Feier wird traditionell mit einer Polonaise eröffnet, Sophie Delest erzählt mittels einer künstlerisch inszenierten Modenschau über Polen und die letzten 100 Jahre seiner Geschichte, in den repräsentativen Räumlichkeiten des Altstadtrathauses erklingt Musik von Chopin.

An diesem Tag dürfen natürlich unsere polnischen Köstlichkeiten nicht fehlen, lacht Frau Betram.

Autorin: Alina Renkwitz

(Deutsche Übersetzung / K. Moser & E. Herfordt)

 

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