„Über Wanda, die keinen Deutschen wollte“ - wieviel ist von der Legende übriggeblieben? Ein Gespräch mit Prof. Piotr Roguski.  Adam Gaik:  Guten Tag, Herr Professor Roguski, ich danke Ihnen sehr für die Bereitschaft mit mir zu sprechen.

Piotr Roguski:  Herr Adam, wir kennen uns ja seit vielen Jahren, es ist mir mithin angenehm, dass wir dieses Gespräch führen. Es bringt uns irgendwie zurück in vergangene Zeiten, als uns das Verhältnis Professor – Student verband. Auch damals sprachen wir häufig miteinander, sowohl in den Lehrveranstaltungen, wie auch bei Ihrer Diplomarbeit. Sie hatten sich ein sehr ehrgeiziges Thema gewählt. Ich erinnere kurz, dass die Grundlage Ihrer Arbeit Rolf Hochhuths Eine Liebe in Deutschland war. Sie haben sich sehr gründlich an die Arbeit gemacht und nicht nur ein Gespräch mit dem Autor geführt, sondern auch die Orte des beschriebenen Geschehens besucht und Untersuchungen im örtlichen Archivum angestellt. Bei dieser Gelegenheit fanden Sie interessante Dokumente, die ich in meinem neuesten Buch (Nie) poszła za Niemca [„Sie nahm (k)einen Deutschen“] benutzt habe. Ich denke, wir kommen auf das Buch noch zurück.

A.G.: Aber zuvor möchte ich noch folgende Frage stellen: Viele Jahre unterrichteten Sie an der Universität zu Köln. Warum entschieden Sie sich für eine Tätigkeit an einer deutschen Hochschule? Welche Kriterien muss man erfüllen, um sich um eine solche Stellung zu bemühen?

P.R.:  Mein Abenteuer mit deutschen Universitäten begann recht früh. Zum ersten Mal kam ich auf Einladung der Universität in Frankfurt am Main dorthin in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zwischen dem Slavistischen Seminar in Frankfurt und der Polonistischen Fakultät der Warschauer Universität bestand eine Vereinbarung, auf Grund derer ein polnischer Wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Arbeit mit deutschen (nicht nur) Studenten delegiert wurde. Ich führte ein typisches Fremdsprachenlektorat durch: von der Sprachlehre in verschiedenen Kursen, bis zu Seminaren und thematische Vorlesungen. Man könnte sagen, ich war so etwas wie ein „Herr für´s Polnische“ der Slavistischen Abteilung. Nach fünf Jahren kehrte ich nach Warschau zurück, um 1993 erneut, und zwar für länger, an den Main zurückzukehren. Im Jahr 2000 wechselte ich zur Universität zu Köln, wo Sie mich antrafen und so kam es zu unserem Zusammentreffen. Im Verlauf dieser Jahre habilitierte ich mich und erzielte die Stellung eines Professors. Wie Sie sehen, gibt es bei meiner Arbeit an deutschen Universitäten nichts Außergewöhnliches, eben der gewöhnliche Weg eines Wissenschaftlers... Obwohl das eine nicht bis zum Schluss ganz richtige Antwort ist, man muss hierbei auch die politischen Änderungen berücksichtigen, die sich damals ereigneten. Vergessen wir nicht, dass Deutschland und Polen nach dem Krieg zu verschiedenen politischen Systemen und Verteidigungsbündnissen angehörten, wir waren länger Feinde als Freunde. Das hatte eine beachtliche Bedeutung im Zugang zu einander, was sich auch im Interesse an Polen in Deutschland niederschlug, und somit auch auf die Zahl meiner Studenten. Ich muss sagen, dass ich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Arbeit mit für mich riesig interessanten Erfahrungen konfrontiert war.  So habe ich schließlich die deutsch-polnischen Beziehungen zur Thematik meiner Bücher gemacht: der wissenschaftlichen wie auch der dichterischen.     

A.G.: Hatten Sie mit der Ausreise nach Deutschland irgendwelche Befürchtungen verbunden? Wurden diese in der Wirklichkeit wiedergespiegelt?

P.R.: Wie ich erwähnte, waren die Anfangsjahre meiner Arbeit, also die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, nicht die leichtesten. Erstens: die Schwierigkeiten bei der Grenzüberschreitung. Zunächst die Kontrollen an der Grenze zur DDR, dann zwischen der DDR und der BRD. Schwierigkeiten bei den Ämtern, Probleme bei der Verlängerung der Aufenthaltsbrrechtigung und ein gewisses „allgemeines Misstrauen. Ich musste mich sozusagen umstellen aus der polnisch-sozialistischen Realität und Mentalität auf eine deutsch-kapitalistische Realität und Mentalität. Der „aus dem Osten“ anreisende Mensch hatte viel nachzuholen... Weil ich jedoch auf Deutschland sehr neugierig war, schreckten mich diese Schwierigkeiten nicht ab. Ich gelangte schnell zu der Schlussfolgerung, dass man sich für die zweite Seite öffnen müsse, damit der Aufenthalt dort nicht müßig würde. Mithin lernte ich wortwörtlich alles, beginnend mit der Sprache bis zur Verhaltens- und Erinnerungskultur. Meine Erfahrungen fasste ich in einigen Gedichtsbändchen zusammen, u.a. in der Gedichtsammlung Co mnie obchodzą Niemcy? [„Was gehen mich die Deutschen an?“] oder in Adieu, Cologne.

A.G.: Hat sich aus der Perspektive Ihres Aufenthalts in Deutschland die Sicht auf unseren westlichen Nachbarn geändert?

P.R.:  Und zwar sehr. Misstrauisch eingestellt gegenüber den Deutschen kam ich an, was nicht erstaunlich ist, weil ich dem Wirken der Propaganda ausgesetzt war. Mit der Zeit wandelte sich das Misstrauen einerseits in Bewunderung und Anerkennung, andererseits in einen „gesunden Kritizismus“. Wie man weiß, sind die deutsch-polnischen Beziehungen verwickelt und schwierig, und es bedarf viel Zeit und analytischen Sinnes, um sich ausgewogene Urteile zu erarbeiten. Den Versuchen eines mehr objektiven Blicks auf die gegenseitigen Beziehungen habe ich viele Veröffentlichungen gewidmet. Zuerst im Buch Tułacz polski nad Renem [„Der polnische Exilant am Rhein”] erinnerte ich die polnische öffentliche Meinung an den außergewöhnlichen Zeitraum des herzlichen Empfangs der polnischen Soldaten-Flüchtlinge in den deutschen Ländern nach dem Fall d es November-Aufstands. Sie erhielten geistige und finanzielle Unterstützung auf dem Weg in die Emigration. Das war gleichzeitig die Periode eines gemeinsamen, europäischen Projektes der Errichtung eines neuen, demokratischen, die aus der Tyrannei der Besatzungsmächte befreiten unabhängigen Staaten vereinigenden Europas. Die Idee der Verkündung eines großen Festes der Freiheit 1832 in der Ortschaft Hambach war über zwei Jahrhunderte der Gründung der heutigen Europäischen Union voraus. Die Anthologie Do przyjaciela wroga. Niemcy w poezji polskiej [„An den Freund Feind. Deutsche in der polnischen Dichtung“] erinnerte dann, wie im dichterischen Wort sich die geschichtlichen Ereignisse in einem Zeitraum von nahezu eintausend Jahren niederschlugen. Ähnlich verhält es sich mit meinem letzten Buch, dass diesen geschichtlichen Prozess aus der Perspektive deutsch-polnischer Ehen verfolgt. 

A.G.:  Neben der Tätigkeit als Hochschullehrer verwirklichen Sie sich auch literarisch. Gegen Ende vergangenen Jahres erschien im Verlag „Śląsk” ein sehr interessantes Buch unter dem aussagestarken Titel (Nie) poszła za Niemca. Opowieść historyczno-literacka [„Sie nahm (k)einen Deutschen. Eine geschichtlich-literarische Erzählung“]. Darin analysieren Sie die deutsch-polnischen Beziehungen über die Jahrhunderte hinweg, das Verhältnis Männer-Frauen unter die Lupe nehmend. Woher kam die Idee zu diesem Thema und könnten Sie den Schleier des Geheimnisses ein wenig lüften und verraten, was der Leser in diesem Buch findet?

P.R.:  Das Buch, das Sie erwähnen, entstand über viele Jahre, auch in der Kölner Zeit. Ich benutzte bewusst literarische Seminaren um die Antwort auf die Frage zu finden, woher der Hass zwischen Polen und Deutschen kommt, und in welchem Grade er Einfluss auf so zarte und intime Gefühle wie die Liebe nimmt (nahm), und in der Folge auch auf die Entscheidung einer Eheschließung. Das Feld meiner Beobachtungen ward ihr, die Studenten der Slavistik, und unter euch besonders zahlreiche „gemischte Paare“: noch vor dem Eingehen einer Bindung, während deren Andauerns, oder schon nach der Scheidung. Ich habe euch in Diskussionen verwickelt auf der Grundlage literarischer Werke beider Länder. Wir erwägten zahlreiche Fragen, die Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte dieses komplizierten Prozesses lenkend. Und was zeigte sich, welche Schlussfolgerungen ergaben sich aus unseren gemeinsamen Abschweifungen? Erstens, dass die junge Generation entweder nichts darüber weiß oder den Empfehlungen der alten Legende über „Wanda, die keinen Deutschen wollte“ keinen Wert beimisst. Die gemischten deutsch-polnischen Paare waren der beste Beweis dafür, dass die, besonders im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Soll definierten Verpflichtungen der jungen Polinnen im Verhältnis zum Feind, dem Deutschen, aufgehört hatten, bedeutsam zu sein. Aber das war nur ein Teil unserer Feststellungen. Als unerhört wichtig erwiesen sich die Analysen der Gründe der erscheinenden Feindschaft: sie waren rassischer, nationaler, gesellschaftlicher und konfessioneller Natur. Besonders in der deutschen Literatur ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich ein negatives Bild der Polin zu formen. Die deutschen Autoren zeigten direkt oder mittelbar die ungünstigen Folgen auf, die die Liebe und in ihrer Folge die Eheschließungen gebaren. Meistens ging es um die Polonisierung der gemischten Familien, um den „schlechten Einfluss“ der polnischen Ehefrau auf den deutschen Mann, um die polnische Erziehung der gemeinsamen Kinder, um den Übergang deutscher Güter in polnische Hände, usw. Der Höhepunkt des Prozesses der wachsenden Feindschaft war der Zeitraum des Krieges und der Besatzung, als Mischehen nicht nur als „Rassenschande“ verboten waren, sondern auch jegliche Kontakte beider Geschlechter. In meinem Buch finden Sie viele Beispiele. Eines davon hat Rolf Hochhuth beschrieben und genau analysiert, was das Thema Ihrer Diplomarbeit wurde. Im Buch zeige ich ebenfalls, wie man mit den Folgen dieser schrecklichen Ideologie der Verachtung nach dem Krieg zurechtkam und wie lange der Prozess des Erreichens einer Situation der Normalität dauerte. Zu einer Situation, in der sich Ihre Altersgenossen aus Gründen des Geburtsdatums befanden, mithin einer solchen, in der ohne Hindernisse und als Ergebnis ausschließlich eigener Entscheidungen junge Deutsche und junge Polinnen begannen, sich in einander zu verlieben und sogar eine gemeinsame Zukunft zu planen. Sie werden zugeben, dass unsere Geschichte ein seltsames Manöver durchgeführt hat: von der legendären „Wanda, die keinen Deutschen wollte“ zur gegenwärtigen Polin, die ihn „will“. Ist das nicht eine Erscheinung der Normalität im beiderseitigen Verhältnis, so wie das Fehlen von Grenzkontrollen, wovon ich vor Jahren nur träumen konnte, normal und natürlich wurde? Aber, wie Sie wissen, ist diese heutige Normalität nicht für immer gegeben und man muss weiter um sie kämpfen. Das ist wahrscheinlich die beste Pointe meiner über zwanzigjährigen deutsch-polnischen Erfahrungen.

                                               (Aus dem Polnischen übertragen von Erhard Brödner)

    Das Buch, von dem im Interview die Rede ist, kann man auf der Seite des Verlags Śląsk, aber auch über andere Internet-Buchhandlungen erwerben: (NIE) POSZŁA ZA NIEMCA

 

 

 

 

KALENDARIUM

0000-00-00  
Item Title of Your event

Newsletter