„Das Mädchen, das Feuer geschluckt hat“ („Dziewczynka, która polknela ogien“) ist der Titel eines Gedichtes, das die polnische Lyrikerin Ewa Parma im Jahre 2006 verfasst hat. Von einer Kindheit an rußigen Fensterbänken in Kattowitz ist dort die Rede, vom Himmel, der in ewigen Rauch eingehüllt ist, und von der Sehnsucht nach Farbe, Licht und Wärme.
Der Impuls für dieses Gedicht war das farbgewaltige Gemälde eines Mädchens, das eben dort zu Hause war, jenes Mädchen, das Feuer geschluckt hat und viele Jahre später die Sonne in ihre Bilder gießt: die Malerin Mauga Houba-Hausherr.

Geboren Anfang der sechziger Jahre im nämlichen Katowice, dem Zentrum der polnischen Schwerindustrie, aufgewachsen ein wenig weiter westlich im Raum Oppeln, wird nicht nur ihr selbst, sondern glücklicherweise auch ihren Eltern schnell deutlich, wohin es mit dem Mädchen gehen wird: Nicht Sprachen interessieren sie, keine Wissenschaften, sondern einzig und allein die Kunst. Die Förderung dieses Interesses und des offenkundigen Talentes setzt früh ein. Ihr Leben sei deshalb im Grunde nicht sehr spektakulär verlaufen, sagt Mauga später einmal spitzbübisch in einem Radio-Interview; eigentlich habe sie sich immer nur der Malerei gewidmet.

Die stilistische Verbundenheit mit dem starkfarbigen, konturenreichen Expressionismus ist in ihren Werken schon früh gegenwärtig. „Für mich ist das die passende Ausdrucksform“, erklärt Mauga. „Da ich kein sehr dezenter Mensch bin, können es meine Bilder auch nicht sein.“ Diese nämlich kennen in der Regel kein „Dazwischen“ und genau so verhält es sich mit den Betrachtern. Maugas Bilder liebt man oder eben nicht. „Damit kann ich allerdings gut leben“, meint die Malerin.

Den politischen Ansatz der meisten klassischen Expressionisten hat sie indes nicht übernommen. Ihre Themen sieht sie vorzugsweise nicht in den Widersprüchen des Lebens, in Krieg und sozialem Elend; ebenso wenig versteht sie ihre Arbeit als Protest gegen die bestehende Ordnung und das bürgerliche Leben. „Ich will eher vermitteln, zum Miteinander aufrufen und die Menschen zusammenführen“, erläutert Mauga. Die dazu erforderlichen intersubjektiven Identifikationsmuster liefere sie mit ihren Bildern.

Deshalb sei der Name der im Jahre 1905 von den wichtigsten Vertretern des Expressionismus ins Leben gerufenen Künstlervereinigung „Brücke“ ihr Programm geworden, sehe sie sich doch in ihrer Eigenschaft als Polin und Deutsche zugleich auch in ihrer Kunst als Mensch, der Brücken brauche, um diese in die jeweils gewünschte Richtung zu überqueren und dort vom gegenüberliegenden Ufer zu berichten.

Stilistisch also dem Expressionismus verbunden, steht Mauga in theoretischer Hinsicht auf dem ganz anderen Fundament des polnischen Kolorismus, der ohne weitere Beachtung politischer oder gesellschaftlicher Kontexte gleich welcher Art das Bild als Ziel sieht, dabei durchaus nicht frei von einem Hang zum Dekorativen ist und sich aus dem Glauben an die ewige Kunst nährt. Dass diese Haltung auch Mauga ebenso wie den im sog. Pariser Komitee vereinten Koloristen wie z. B. Jan Cybis, Jozef Czapski oder Piotr Potworowski mitunter den Vorwurf des Ästhetismus, Eskapismus und eines ostentativen Piktoralismus einträgt, stört sie nicht.

„Ich will und kann nichts anderes als malen“ sagt Mauga, „und ich male, um zu malen.“ Dass ihre die Harmonie und Klangfülle der Farben und Formen betonende l’art pour l’art als Ästhetik um ihrer selbst willen, als Realisierung des ästhetisch Schönen im autonomen Kunstwerk letztlich über sich selbst hinausweist, eine begrenzte Wirklichkeit überschreitet und transzendiert und damit letztlich eo ipso politisch ist, sollte bei all dem nicht vergessen werden.

„Wenn im modernen Kunstbetrieb allerdings zunehmend die Sperrigkeit zum Qualitätsmerkmal erhoben und andererseits das Ästhetisch-Schöne zur Plakatmalerei erklärt wird, dann bin ich wohl keine rechte Künstlerin“, stellt Mauga dazu mit Augenzwinkern fest.

Dass über die Jahre hinweg viele ihrer Werke nicht nur in Privatbesitz übergangen sind, sondern auch öffentliche Räume z.B. im Berliner Umweltministerium oder in den Rathäusern von Duisburg und Krefeld zieren, macht deutlich, dass die kunstinteressierte Öffentlichkeit durchaus anderer Meinung ist. Ebenso zeugen die zahlreichen sehr erfolgreichen und gut besuchten Einzelausstellungen von Interesse und Wertschätzung ihrer Kunst. Dass Mauga nicht nur beim Malen selbst, sondern auch darüber hinaus Sinn für spektakuläre Inszenierungen hat, tut ihrer Popularität durchaus keinen Abbruch, im Gegenteil.

Für eine bezeichnenderweise „Auch mal anders“ übertitelte Ausstellung in einer Duisburger Galerie Bilder z. B. an der Decke zu platzieren und die Gäste auf einem fahrbaren und mit einem wundervoll kitschigen roten Herz als Kopfpolster ausgestatteten Holzbrett durch die Ausstellungsräume zu ziehen, um ihnen, wie Mauga seinerzeit formulierte, beim Betrachten eine Genickstarre zu ersparen, entpuppte sich als ungewöhnliches und begeistert aufgenommenes Konzept.

Nicht weniger spektakulär war der Tanzboden, den sie im Rahmen einer Kooperation mit einer Kölner Tanz-Companie für eine Neuproduktion gestaltete: 70 Quadratmeter Leinwand, deren Formen und Farben nicht etwa den Tanz illustrierten, sondern vielmehr der Ausgangspunkt für die Choreographie waren.


Auch eine ihrer jüngsten Ausstellungen, die im oberschlesischen Ozimek unter dem Titel „Okna“ („Fenster“) stattfand, zeigt die Ungezwungenheit und Offenheit, mit der Mauga ihre Arbeit angeht.

Im Mittelpunkt nämlich standen Gemälde, die mit Texten der polnischen Lyrikerin Ewa Parma korrespondieren, insofern nämlich als sie entweder ein literarisches Motiv aufgreifen und malerisch umsetzen oder auch umgekehrt ein Bild der Inspiration der Dichterin diente.

Dass dieses Konzept vor Ort hohe Wellen schlug, von den Medien überschwänglich transportiert wurde und weitere Ausstellungen in anderen polnischen Städten geplant sind, macht mehr als deutlich, dass Mauga mit ihrer Arbeit das gelingt, was sich in der Politik oftmals als zähes und mühevolles Geschäft erweist: der von Neugier und Sympathie getragene vorbehaltlose Brückenschlag.

Mats Kehrmann

Weitere Informationen: www.mauga.de

 

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