Zuerst eine kurze persönliche Digression – ich lebe seit fast 30 Jahren außerhalb der Grenzen Polens und betrachte die mich umgehende Welt immer noch mit slawischen Augen … es tut mir gut.
Es bedeutet allerdings nicht, dass ich ein polnischer Separatist bin, der sich ständig in Deutschland aufhält und sein Leben nur und ausschließlich den polnischen Traditionen, Bräuchen und der polnischen Sprache unterordnet, jemand der eine Abneigung gegenüber der Kultur und Tradition des Landes, in dem er lebt, verspürt. Im Gegenteil. Ich bin eine vollkommen integrierte Person, integriert in einer positiven Hinsicht, eine Person, die aus dem Vollen aus beiden Kulturen, Traditionen und Sprachen schöpft. Ich weiß, wo meine Wurzel liegen, gleichzeitig dennoch schätze ich die neuen Werte, um die sich mein Leben im Land des Aufenthalts bereichert hat. Eine Emigration bringt zwar zahlreiche Fallen mit sich, dennoch bedeutet sie auch eine Herausforderung und eine Lebensinspiration.

Die Entscheidung über die Emigration ist in jedem Fall eine schwierige Entscheidung, die einen großen Einfluss auf unser Leben hat, und die viele Bedrohungen und Konflikte mit sich bringt, sie ist allerdings auch eine Chance, um die Denkhorizonten und die persönliche Entwicklung zu fördern, kurz gesagt: sie ist trotz Fallen eine Herausforderung und eine Lebensinspiration, sie ist eine Chance auf ein neues, gelungenes Leben. Ob das Leben gelungen und erfüllt sein wird, hängt von uns selbst und von unserem Beitrag in die Errichtung dieses Lebens in einem fremden Land von Grund auf ab. Ich bin davon überzeugt, dass die positive Lebenseinstellung eines Menschen, seine Zuversicht und Glaube an die Emigration als eine große Chance entscheidend sind. Auch wenn diese Chance mit anfänglichen Adaptationsschwierigkeiten belastet ist. Ich glaube, dass der Begriff „Adaptation” eine Schlüsselrolle bei meinen Überlegungen spielt. Auf unser Verständnis der Welt und der Menschen, unser Wissen und Bildung, unsere Lebenserfahrungen sowie historischen Erfahrungen des Herkunftslandes, kann man mit Gewissheit auch im Land des Aufenthalts zurückgreifen. Man muss es allerdings mit Vorsicht tun, da die Emigration auch viele Einschränkungen und Schwierigkeiten bedeutet. Die richtige Adaptation besteht meiner Meinung nach in einer geschickten Anpassung an die neue Realität, ohne die Notwendigkeit der Verleugnung von eigenen Wurzeln und ethischen Werten. Den  Schlüssel zu einer gelungenen Adaptation bilden in erster Linie die Sprachfähigkeiten, bestenfalls fließende Kenntnisse der Sprache in Wort und Schrift.
Ohne perfekte Sprachkenntnis sind wir zu Isolation und einem Leben im polnischen Ghetto verdammt. Nach der anfänglichen Verwirrung und den Versuchen, sich in der neuen Wirklichkeit zurecht zu finden, soll sich jeder Emigrant wichtigen Fragen über sich selbst, den Ort seines Aufenthalts und seine Rolle dort stellen. Diese Fragen sind gleichermaßen schwierig und emotional. Jeder muss sie selbst beantworten und je früher er es tut umso besser. Selbstverständlich wird man ohne großen Einsatz, Engagement und Arbeit an sich selbst nichts erreichen können.  Nichts kommt von alleine, es ist nicht das Land unserer Herkunft, welches sich an uns anpassen soll, sondern wir müssen hier unseren Platz finden, einen Platz zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Traditionen. Das Wichtigste ist meines Erachtens, dass wir uns auf allen diesen Feldern wohl fühlen, dadurch vermeiden wir die größte Krise eines Emigranten – die Identitätskrise, eine Krise der moralischen Werte und eine Kommunikationskrise. Wir müssen lernen, das neue Land, in dem wir leben, zu verstehen; seine Bewohner, ihre Mentalität und ihre Lebensart müssen uns vertraut und gleichwertig mit unseren eigenen Werten werden.

Jährlich feiern wir am 18. Dezember den Tag des Emigranten. Dieser Feiertag wurde von der UNO-Vollversammlung am 04. Dezember 2000 verabschiedet und wird weltweit gefeiert. Im Mai feiern wir, Polen, den Tag der Polonia und der Polen im Ausland, einen Feiertag der am 02. Mai 2002 durch den Sejm der Republik Polen auf die Initiative des Senats hin eingeführt wurde. Wenn man der Statistik Glauben schenkt, auch wenn sie unterschiedlich ausfällt, so gibt es weltweit 20 Millionen Polen und Personen polnischer Herkunft. Die größte Ansammlung ist das Amerikanische Kontinent: die Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien, Argentinien, in Westeuropa sind es: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die alte Emigration hat sich größtenteils schnell und problemlos assimiliert, viele Emigranten aus Polen sind heute gleichwertige Bürger des Landes ihrer Ansiedlung, mit dem Herkunftsland verbinden sie nicht nur die familiären Bindungen und polnische Traditionen, sondern auch die häufig typisch polnischen Namen.

Die nachfolgende, zeitgenössische Emigrationswelle fing 2004 an und dauert immer noch an. Es handelt sich dabei um fast 2,5 Millionen junge Polen, die mit der Absicht auswanderten, in einem anderen Land zu leben. Wenn man die Wirtschaftsemigration hinzuzählt, so sind es fast 5 Millionen Polen. Ich bin der Meinung, dass die Mehrheit von ihnen nicht schnell nach Polen zurückkehrt, da sie in Polen kaum Chancen auf denselben Lebensstandard und entsprechende wirtschaftliche Lage haben, wie es in den Ländern des Aufenthalts der Fall ist. Durchgreifende Wirtschaftsreformen sind in der nahen Zukunft in Polen nicht denkbar, also ist die Massenrückkehr in die Heimat nicht vorstellbar.

Man soll allen Landsleuten, die weltweit verstreut sind, wünschen, dass sie den Kontakt zu der Heimat niemals abbrechen, dass sie die polnische Sprache pflegen und für unser Heimatland als gute Botschafter tätig sind, wohin auch immer das Schicksal oder ihre eigene Entscheidung sie hingebracht hat.

Waldemar Kostrzębski
https://waldemar-kostrzebski.blogspot.de/



 

 

 

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