Nach acht Jahren von intensiven Vorbereitungen gelang es, im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft ein erstes gemeinsames Lehrbuch für Geschichte: „Europa – unsere Geschichte“ herauszubringen.

Am 22. Juni 2016 präsentierten die Außenminister Polens und Deutschlands – Witold Waszczykowski und Frank-Walter Steinmeier in der deutsch-polnischen Europaschule - Robert-Jungk-Oberschule ein gemeinsames, 256-seitiges Lehrbuch für Geschichte. Der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland – Frank-Walter Steinmeier bedankte sich in seiner Rede „für den mutigen Kampf der Werftarbeiter von Danzig, für die Bereitschaft der Polen, den Deutschen mit Vertrauen zu begegnen“ und für die unzähligen zwischenmenschlichen Kontakte „unabhängig davon, wer zurzeit in Warschau und Berlin regiert“. Er betonte dabei, dass die Polen und die Deutschen „zu dem geworden sind, wovon Willly Brandt träumte – zu guten Nachbarn“.

Minister Waszczykowski stellte fest, dass das neue Lehrbuch für Geschichte „den Dialog erleichtern wird und dabei hilft, sich von Stereotypen freizumachen und größere Toleranz zu entwickeln“, da „ab jetzt die polnischen und die deutschen Schüler unsere gemeinsame Geschichte kennenlernen werden“.

„Dieses innovative Lehrbuch bedeutet wesentlich mehr als eine historische Betrachtung Europas. Es ist das Ergebnis eines langen Prozesses und zeigt, dass ein gemeinsames Schullehrbuch verschiedene Betrachtungsweisen, Interpretationen und didaktische Vorgehensweisen widerspiegeln kann“ – sagte Günter Baaske, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg während der Präsentation des Lehrbuchs . Dietmar Woidke – der Ministerpräsident des Landes Brandenburg und Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit sprach von „dem Wunder der Normalität“ zwischen unseren beiden Ländern.

Eine von den Außenministern Deutschland und Polens berufene Lehrbuchkommission, bestehend aus Vertretern der Wissenschaft und Regierungsinstitutionen beider Länder arbeitete seit 2008 intensiv an dem Projekt. 2012 wählte man die für die Realisierung des Projekts verantwortlichen Verlage – Wydawnictwa Szkolne i Pedagogiczne für die polnische Sprachversion und Eduversum GmbH für die deutsche Sprachversion. Der Verwaltungsrat, der das Projekt koordiniert, wird in Deutschland von dem Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg Günter Baaske und in Polen von der stellvertretenden Ministerin für Nationalbildung Ewa Dudek geleitet. Der an dem Projekt arbeitende Expertenrat wird auf der deutschen Seite von Professor Michael G. Müller aus der Universität in Halle-Wittenberg und auf der polnischen Seite von Professor Robert Traba aus dem Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften geleitet.

Bereits im Schuljahr 2016/2017 werden Schüler in Deutschland und in Polen aus dem neuen Geschichtslehrbuch „Europa – unsere Geschichte“, das auf Polnisch und auf Deutsch herausgegeben wird, lernen können. Das Lehrbuch „Europa – unsere Geschichte“ richtet sich an Schüler aller Schultypen – Gymnasium und der ersten Klasse des Lyzeums in Polen und an Schüler der Klassen 5 bis 10 in Deutschland. Der Vorreiter des deutsch-polnischen Lehrbuchs war eine ähnliche, auf Französisch herausgebrachte Publikation. Das gesamte Projekt wird durch Regierungen beider Länder mitfinanziert.

„Europa – unsere Geschichte“ ist kein ergänzendes sondern reguläres Lehrbuch, das sich nach Unterrichtsprogrammen beider Länder richtet. Bis 2018 werden weitere drei Bänder, die den Zeitraum bis zu dem politischen Umbruch in den Jahren 1989-1990 umfassen werden, erscheinen. Die Gesamtheit wird aus fünf historischen Epochen bestehen – von dem Altertum bis zu den Anfängen des XXI Jahrhunderts. Das erste Band von „Europa – unsere Geschichte“ betrifft die Urgeschichte und umfasst die Zeitspanne bis zum späten Mittelalter. In der gesamten Publikation betrachten einzelne Kapitel die Geschichte aus der deutsch-polnischen Perspektive, im Kontext Europas und der Welt.

„Das erste Band des deutsch-polnischen Geschichtslehrbuchs ist ein Symbol eines weit über die Grenzen Polens und Deutschlands hinausgehenden Dialogs“ – sagte während der Präsentation des Lehrbuchs in der Robert-Jungk-Oberschule Eckhardt Fuchs, Leiter des Georg-Eckert-Instituts und wissenschaftlicher Koordinator des Projekts auf der deutschen Seite. Das Projekt des gemeinsamen deutsch-polnischen Lehrbuchs hat eine große Bedeutung für die zukünftigen deutsch-polnischen Beziehungen nicht nur im Bereich der Bildung, sondern auch in politischer Hinsicht.

Der Leiter der deutsch-polnischen Europa-Schule in Berlin - Knaack betont, dass er sich stets gerne bei der Mitgestaltung von ähnlichen Veranstaltungen, durch die sich unsere Länder näher kommen, beteiligt, da die Robert-Jungk-Oberschule nicht nur ein Symbol sondern gleichwohl ein praktisches Beispiel für gelungene deutsch-polnische Initiativen ist. Er ist der Meinung, dass „Europa – unsere Geschichte“ auf eine besondere Weise den Geschichtslehrern helfen wird, da Geschichte an dieser Schule auch auf Polnisch unterrichtet wird.

Ewa Kampes – Leiterin der deutsch-polnischen Katharina-Heinroth-Europa-Grundschule und Malgorzata Tuszynska – stellvertretende Vorsitzende des Polnischen Rates in Berlin betonten, dass ein derartiges Lehrbuch sowohl den Lehrern als auch den Schülern die Arbeit erleichtern wird. Bis jetzt mussten die Lehrer den Unterrichtsstoff für jede einzelne Stunde aus verschiedenen Lehrbüchern vorbereiten und als Kopien an die Schüler verteilen. Ein Schüler muss ein Lehrbuch haben, welches das Lernen zu Hause unterstützt, zu dem er Vertrauen hat, und zu dem er jederzeit zurückkommen kann, wenn er die vorangehenden Informationen vergessen hat – beurteilen fachgerecht beide seit Jahren für die polnische Bildung in Berlin verdienten Lehrerinnen.

Nicht ohne Grund befindet sich auf dem Umschlag des Buches „Europa – unsere Geschichte“ ein Mosaik aus dem VI Jahrhundert unserer Zeitrechnung mit der aus der Kirche San Vitale in Ravenna stammenden Abbildung der Kaiserin Theodora, die die gemeinsamen Wurzeln des westlichen und des östlichen Europas verkörpert. Gleichermaßen wie es das Projekt „Europa – unsere Geschichte“, die die polnische und deutsche Geschichte verbindet, tut.

Agata Lewandowski

 

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