Die Leute können sich nicht vorstellen, dass ein Mann zwei Wettkämpfe haben kann, zwei Leidenschaften, die genauso gut funktioniert. Ich liebe Medizin, aber ich liebe auch Theater und Musik, ich liebe Kunst ", sagt Margaux Kier.

DW: Margaux, wer bist du eigentlich – Ärztin, Sängerin oder vielleicht eine singende Ärztin?
Margaux Kier: „Die Frage ist schwierig, Menschen können sich kaum vorstellen, dass man zwei Berufe haben kann – zwei Leidenschaften, die ich genauso gut ausübe. Einerseits versucht man weiszumachen, dass ich eine Hobby-Urologin, andererseits sind einige Menschen davon überzeugt, dass ich eine Hobby-Schauspielerin bin. Ich empfinde es nicht so, den Arztberuf nehme ich sehr ernst, es ist kein Hobby. Ich liebe Medizin, gleichermaßen liebe ich auch das Theater, die Musik und die Kunst.
DW: Ist es für eine gebürtige Polin einfach, auf der deutschen Musikbühne Fuß zu fassen?
MK: Falls wir von dem polnischen Deutschtum sprechen, d. h. von einem Leben im Exil als Emigrant, so hat sich einiges seit der Zeit meiner musikalischen Anfänge geändert. Heute gibt es auf der Bühne einen großen Wettbewerb, vielleicht sogar Kampf, es passiert sehr viel. Finanzielle Mittel sind unerlässlich damit ein Sänger das Publikum überhaupt erreichen kann. Jemand, der bereit ist, in einen Sänger zu investieren denkt dabei nur daran, wie lange an einen Gewinn daraus erzielen kann. Man braucht großes Geld für die Werbung, die Billboards und die ersten Seiten von Zeitungen. Ich habe übrigens erfahren, dass der Manager eines Künstlers viel Geld an Journalisten zahlt um an den ersten Seiten zu erscheinen Einerseits findet so etwas statt, andererseits gibt es auch Journalisten, die es schaffen, einen Künstler z fördern, der mittellos ist; es ist allerdings schwierig und kommt selten vor.
Auch das fehlende Wissen über ein anderes Land, über dessen Geschichte, Kultur und Denkweise macht es für Menschen, die von woanders stammen und auf der Bühne auftreten möchten, schwer. Mir selbst ist erst vor sieben-acht Jahren klar geworden, wie wenig ich über Deutschland und die Deutschen, die Geschichte, Politik und das kulturelle Leben sowohl der Massen als auch der Eliten dort weiß.  Woher sollte ich es auch wissen,  ich bin doch in Bydgoszcz aufgewachsen. Nach Deutschland kam ich 2007, um an einem Stück über zwei Malerinnen der Avantgarde – Frieda Kahlo und Paula Modersohn-Becker mitzuwirken. Das Spektakel wurde in Worpswede aufgeführt. Bis dahin habe den Namen „Worpswede“ nicht gehört, dabei handelt es sich um eine relativ große Siedlung in der Nähe von Bremen, früher nannte man sie „Künstlerdorf“ - ein Dorf der Künstler, die dort kamen, lebten, wohnten und kreativ arbeiteten.
Die spezifischen Lichtverhältnisse, die Farben der Natur und eine einmalig interessante Landschaft zogen insbesondere viele Maler dorthin, so dass einzigartige Bilder entstehen konnten. Dort wohnten u. a. Rainer Maria Rilke und Heinrich Vogeler, die einen bedeutenden Einfluss auf die deutsche Kultur ausübten. Ich befand mich in Worpswede und dachte dabei: „Mein Gott, hinter diesem Dorf steht eine 100-jährige Geschichte, von der ich bis jetzt keine Ahnung hatte, niemand hat mir davon erzählt. Ich kam dorthin zwei Jahre hintereinander, wir spielten das Stück „Paula und Frida“ in Barkenhof, die Tickets waren täglich ausverkauft. Das Spielen in diesem Stück war für mich ein Erlebnis und eine weitere Etappe bei dem Eintauchen in die Tiefen der deutschen Kultur.
Wichtig war für mich auch das Kennenlernen der deutschen Sprache dank Karl Dedecius, der so hervorragend die Werke von Szymborska übersetzt hat, dass ich dabei dachte: „Wie hübsch die deutsche Sprache doch ist!“.  Es war eine höhere Einweihungsstufe in die deutsche Kultur. Selbstverständlich habe ich als junges,  14, 15-jähriges Mädchen Goethe, Schiller und weitere Schriftsteller gelesen, auch wenn es mir schwer gefallen ist. Ich versuchte „die Grundlagen“ der Literatur zu ergründen.
DW: Heute wanderst du mit Leichtigkeit durch verschiedene Stillrichtungen der Musik. Du singst Pop, Balladen, Jazzstandards - ein herausragendes, breit gefächertes musikalisches Programm
MK: Ich bin auch der Meinung, dass die Verbindung von diesen Gattungen toll ist. Es gibt etwas Interessantes, was ich von Seweryn Krajewski gehört habe. Er selbst hat in seiner Zeit bei „Czerwone Gitary“ auch Lieder auf Deutsch geschrieben, sie wurden für Amiga- die Plattenfirma der DDR aufgenommen. Die Bandmitglieder haben selbst die Worte für ihre Lieder geschrieben, da sie etwas Deutsch gesprochen haben, bei diesem Vorhaben wurden sie selbstverständlich von den Deutschen aus der DDR unterstützt. Krajewski sagte einmal in einem Interview etwas Wichtiges, nämlich dass die Polen und die Slawen Melodien in sich tragen.  An seinen Melodien, die häufig eingängig sind und das Herz berühren, arbeitet er sehr lange. Man kann sie auf viele musikalische Weisen spielen – als Jazzstücke oder sogar als Technomusik. Darin besteht diese slawische Macht, eine Musik, die diesen Reichtum besitzt kann auf viele Arten gespielt werden.
DW. Du hast ein sehr vielfältiges Repertoire und trittst auf verschiedenen Bühnen auf und von unterschiedlichem Publikum, hältst du dich für eine Künstlerin, die sich selbst verwirklicht hat?
MK. Ja, aber noch nicht ganz, da es mir bis jetzt nicht gelungen ist,  jemanden zu finden, der die organisatorische Seite meiner Auftritte übernehmen würde. Dadurch, dass ich weiterhin in meinem Arztberuf arbeite habe ich wenig Zeit, früher musste ich mich auch noch um die Erziehung meines Sohnes kümmern, es für mich schwierig, einen Manager zu finden. Es ist eine komplizierte Angelegenheit, Konzerte für die Art Musik, die wir machen, Musik von Menschen mit Ambitionen, zu organisieren. Die Chansons, die wir spielen und die Anfang des vergangenen Jahrhunderts populär in Deutschland waren, verschwanden fast komplett nach dem Krieg, die gesungene Poesie, von der Wislawa Szymborska sagte, dass zwei Tausend Menschen sie lesen, ist eine schwierige Poesie, selbst wenn sich immer mehr Leute für die polnische Kultur öffnen. Ich muss sagen, dass die Deutschen, die unser Konzert einmal besuchten, häufig überrascht sind, dass Polnisch sich so gut anhört, sie wollen es hören, ja sie schwärmen sogar davon. Wenn es um den Inhalt der Lieder geht, gefällt er den deutschen Zuhörern besonders gut - ich habe sogar neue, polnische Lieder im Programm,  die ich aktuell übersetze sowie die älteren Lieder. Die Lieder, die ich als Lieder mit Gefühl bezeichnen würde, gewinnen immer mehr an Popularität. Zusammenfassend, man kann sich mit diesem Repertoire behaupten, aber es ist nicht einfach.
DW: Wir haben bereits einmal über Musik gesprochen. Damals hast du mir ein Beispiel aus dem Leben genannt. Als in den 60-er Jahren solche Musik wie Pop entstanden ist, The Beatles oder Stones waren wie Bäume, die zu einem Wald wurden. Heute wachsen diese Bäume nicht  mehr oder nur selten, es gibt fast nur noch Wälder…
Ja, und deswegen ist es so schwierig. Du musst Geduld haben, musst die ganze Zeit etwas Neues, musikalisch neues erzählen, die ganze Zeit arbeiten, arbeiten, arbeiten und nur dann kannst du auftr

MK: eten, dich entwickeln und Platten aufnehmen. Es ist sehr schwer. Ich würde sogar sagen – es ist einfacher, sich in die Arbeit des Krankenhauses zu engagieren, an einem Ort, wo du Geld für Leben verdienst und in Ruhe gelassen wirst. Im Gegensatz dazu ist es schwer, heute, in der Zeit der Medien ein Künstler zu sein.  
Zum Schluss erzähle ich dir etwas, was aus meiner Erfahrung resultiert. Die Deutschen sind offen für die polnische Kultur und sie öffnen sich immer mehr. Die letzten Jahre der wirtschaftlichen Entwicklung in Polen sind auch der langjährigen Arbeit der deutschen Regierung zu verdanken und sie trugen wesentlich dazu bei, dass man diese Kultur hier schaffen kann. Sei es durch den kulturellen Austausch. Dazu kommt noch die Arbeit von unzähligen deutsch-polnischen Vereinen, Städtepartnerschaften, Aktivitäten von Deutschen, Polen und Exil-Polen, die gemeinsam einen Dialog bilden,  der stattfindet. Die deutschen Bürger haben Aktionen an Schulen gestartet, die Polen zeigen und wie sich Polen entwickelt. Es gibt die Bosch-Stiftung, die diese Projekte nicht nur mit Wort unterstützt. Dank den engagierten Deutschen war Polen im Jahre 2000 der Ehrengast der Buchmesse in Frankfurt/Main. Diese Zusammenarbeit – ich wiederhole es erneut – ist immer intensiver und deswegen können alle, die hierhin kommen und die polnische Kultur zeigen wollen, eine Chance erhalten, auf der musikalischen Bühne Platz zu finden. Andererseits sind es dieselben Chancen, die die hiesigen Künstler haben, wie ich bereits sagte auch sie haben Fehler und müssen selbst Sorge dafür tragen, sich ständig zu verbessern. Sie haben allerdings auch den Schatz der polnischen Wurzel und sollen Nutzen daraus ziehen.
Gesprochen Wieslaw Kutz

Margaux Kier – eine deutsche Sängerin mit polnischem Migrationshintergrund, von Beruf Ärztin. Sie lebt in der Nähe von Köln

 

 

 

 

 

 

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