Die Polonia in Deutschland vertritt, trotz aller Differenzen, in den für sie bedeutenden Angelegenheiten immer einen gemeinsam erarbeiteten Standpunkt.Sie wartete und wartet immer noch mit beispielloser Geduld auf die volle und symmetrische Umsetzung des deutsch-polnischen Vertrages.

Wer die deutsche Polonia verstehen möchte, muss sich als erstes mit der Geschichte der deutschen Bürger polnischer Abstammung befassen – mit den Hintergründen ihrer Präsenz in Deutschland sowie mit der Geschichte der Struktur ihrer Organisationen. Auf der Grundlage einer solchen Analyse wird es möglich sein, die Erwartungen der Polonia und der Polen in Deutschland im Hinblick zum einen auf eine Umsetzung des deutsch-polnischen Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit sowie zum anderen im Hinblick auf die Arbeiten des sogenannten Runden Tischs zu verstehen, insbesondere anlässlich des 20. und des 25. Jahrestages der Vertragsunterzeichnung.

Die Geschichte der Polonia in Deutschland

Historisch betrachtet, gelangten Polen infolge der drei Teilungen der Polnischen Adelsrepublik – 1772, 1793, 1795 – auf deutsches Gebiet. Die meisten Polen, die in dieser Zeit in deutschen Ländern lebten, waren Einheimische, die sich mit den Teilungen auf preußischem Territorium wiedergefunden hatten, so etwa die Bewohner von Schlesien, Pommern oder Masuren. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten etwa 3,5 Millionen Polen – ohne dass sie ihren Wohnort gewechselt hätten – in Preußen. Die innerdeutsche „Arbeitsmigration“ – vor allem ins Ruhrgebiet – schuf die Grundlage der zukünftigen Polonia in Deutschland, der schließlich Minderheitenrechte zuerkannt wurden. Zu jener Zeit entstanden auch die ersten polnischen Organisationen in Deutschland, etwa Jedność (Einheit, 1883) oder Zjednoczenie Zawodowe Polskie (Polnische Berufsvereinigung, 1902). Daneben entstanden Bildungsorganisationen, kirchliche Verbände, Jugendverbände, Frauenvereine, nicht zu vergessen die polnischen Chöre – viele Polen engagierten sich in der katholischen Kirche. Zusammengeschlossen im Bund der Polen in Deutschland, erlangten die Polen damals den Status einer nationalen Minderheit.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden um die zwei Millionen polnische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge nach Deutschland verschleppt. Die meisten von ihnen kehrten nach 1945 nach Polen zurück; einige emigrierten auch weiter nach Westen. Manche wiederum blieben als sogenannte DPs (Displaced Persons), ihre Zahl wurde in den 1950er Jahren auf etwa 100.000 geschätzt. In den Nachkriegsjahren kamen nach und nach Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland, von denen einige auch nach Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit ihre polnische Staatsangehörigkeit nicht ablegten und ihre polnische Identität beibehielten. Das Institut für Auslandsbeziehungen gibt in seiner Studie „Zwischen zwei Welten“ eine wichtige Zahl an: Zurzeit leben zwischen 1,5 und 2 Millionen deutscher Bürger mit polnischen Wurzeln in Deutschland; weiterhin kann nach heutigen Daten von etwa 400.000 bis 460.000 polnischen Bürgern ausgegangen werden, die legal in Deutschland arbeiten. Erinnern wir uns an dieser Stelle daran, dass Deutschland nach dem EU-Beitritt Polens seine Grenzen für Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern zunächst geschlossen hielt. Darüber hinaus stellt die polnische Diaspora in Deutschland eine der größten ethnischen Gruppen dar, genau gesagt: die zweitgrößte nach der türkischen.

Bei einer so vielfältigen Genese der Diaspora und einer so vielschichtigen Herkunftsgeschichte der Polen in Deutschland möchte ich die Polonia als eine ethnische Gruppe definieren, die sich zu einer nationalen Eigenständigkeit bekennt, Kultur und Sprache ihres Herkunftslandes kultiviert, die stolz ist auf ihre polnische Identität, rege Kontakte zu Polen unterhält und dessen Bemühungen im Sinne einer Integration im Rahmen der EU unterstützt.

Der Vertrag von 1991 und seine Bedeutung für die Polonia in Deutschland

Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag vom 17. Juni 1991 war ohne Frage eine von beiden Seiten erwartete und für seine Zeit fortschrittliche Lösung für eine Zivilgesellschaft, die im Begriff war, sich im Kontext des sich einenden Europa auszuformen. Der Vertrag stellte in dieser Hinsicht einen Durchbruch dar – sowohl in Europa als auch innerhalb der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989. Der wichtigste Punkt für uns Polen war, dass beide Seiten anerkannten, dass in jeweils beiden Ländern Bürger des anderen Staates leben, die sich zu ihrer nationalen Eigenständigkeit bekennen und diese bewahren möchten. Insbesondere für die Polonia von Bedeutung sind die Minderheitenparagrafen des Vertrages (§§ 20-22) sowie die darauf bezogenen Absätze des Briefwechsels, den die Außenminister beider Länder am Tag der Unterzeichnung des Vertrages miteinander führten. Erinnern möchte ich daran, was aus dem Wortlaut des Vertrages hervorgeht: Umfang und Absichten des rechtlichen Schutzes sind nämlich für die Gruppe, die als deutsche Minderheit in Polen bezeichnet wird, wie für die ethnische Gruppe der Polen in Deutschland identisch. Paragraf 20, Absatz 2 unterstreicht zudem, dass ebenso Polen wie Deutschland „die Rechte und Pflichten im Einklang mit den internationalen Vorgaben in Bezug auf Minderheiten umsetzen werden“. Der Passus über den Umfang des Schutzes – auch daran möchte ich erinnern – orientiert sich an jenem Teil des Kopenhagener Dokumentes der OSZE von 1990, der sich explizit auf nationale Minderheiten bezieht.

Die Fortführung der Arbeit der Polenverbände in Deutschland – Rodło und Zgoda – sowie die weitere Entstehung des „Konvents der polnischen Organisationen in Deutschland“ im Jahr 1992 ermöglichte vielen Organisationen der Polonia gemeinsam koordinierte Tätigkeiten sowie eine Einigung im Sinne der im Vertrag von 1991 garantierten Rechte. Gegenwärtig gehören etwa 100 Organisationen zum Konvent, die in verschiedenen Sphären des gesellschaftlichen Lebens tätig sind. Sowohl zur Anzahl als auch zu ihrer Struktur schreibt aufschlussreich Sebastian Nagel in der besagten Studie „Zwischen zwei Welten“.

Die Polonia bietet Formen der Zusammenarbeit mit allen neu entstehenden polnischen Organisationen an sowie mit jenen Verbänden, die aus freien Stücken außerhalb der Strukturen der Polonia tätig sind, um ihre eigenen Pläne umzusetzen. Ungeachtet aller verschiedenen Meinungen und aller individuellen Empfindungen haben wir doch ein gemeinsames Ziel, das uns vereint und uns ermöglicht, heute mit einer Stimme im Namen der Polonia und der in Deutschland lebenden Polen zu sprechen. Die Behauptung, wir seien zerstritten, ist meiner Auffassung nach politisch motiviert und so angemessen, wie es etwa die Behauptung wäre, die Politiker in Deutschland seien untereinander zerstritten. Ich möchte also hiermit betonen, die Polonia vertritt, trotz nachvollziehbarer und verständlicher Differenzen, in den für sie bedeutenden Angelegenheiten immer einen gemeinsam erarbeiteten Standpunkt!

Die Gespräche des Runden Tischs und die folgenden Jahrestage des Nachbarschaftsvertrages

Die Polonia in Deutschland hat mit beispielloser Geduld auf die volle und symmetrische Umsetzung des deutsch-polnischen Vertrages gewartet – und sie wartet auf diese Umsetzung noch immer. Wenn ich die Erwartungen der Polonia hinsichtlich der Arbeit des Runden Tischs im Zeitraum der beiden runden Jahrestage (20. und 25. Jahrestag) bilanzieren sollte, möchte ich eines festhalten – diese Erwartungen lassen sich mit einem Satz zusammenfassen: Es geht um die Symmetrie der Umsetzung, insbesondere in Bezug auf die Paragrafen 20-22.

Für die erste Zusammenkunft des Runden Tisches hatten die Vertreter der Polonia eine Liste mit zehn Forderungen vorbereitet. Am 12. Juni 2011 wurde ein Abkommen unterzeichnet, das unter anderem Folgendes vorsah: Im Polnischen Haus in Bochum sollte ein Dokumentationszentrum der Polonia entstehen; in Berlin sollte ein Büro der Polonia eingerichtet und das Portal Polonia Viva sollte geschaffen werden. Weiterhin wurde beschlossen, eine Strategie für den Polnischunterricht zu erarbeiten, nach Möglichkeiten zu suchen, polnische Organisationen finanziell zu unterstützen, und der Polonia den Zugang zu Medien in Deutschland zu erleichtern.

Einer Einschätzung in Bezug auf die Umsetzung des Abkommens, das der erste Runde Tisch von 2011 verabschiedet hatte, widmeten sich sowohl der erste Kongress der Polnischen Organisationen (Berlin, 2012) als auch der zweite und der dritte Kongress (Düsseldorf, 2014; Berlin, 2016).

Die bisherigen Resultate des Runden Tisches bewerten wir positiv. Wichtig ist für uns die Tätigkeit des Dokumentationszentrums „Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland“ – „Porta Polonica“ –, das einen multimedialen „Atlas der Erinnerungsorte“ erarbeitet hat. Das Büro der Polonia in Berlin koordiniert außerdem Projekte der Polonia, und das zweisprachige Internetportal Polonia Viva präsentiert Veranstaltungen der Polonia, die für die deutsche wie die polnische Gesellschaft in Deutschland von Bedeutung sind. In allen Bundesländern wurden Bevollmächtigte für die Zusammenarbeit mit deutschen Bürgern polnischer Herkunft und Polen in Deutschland ernannt, was ebenfalls erfreulich ist. Weiterhin positiv ist die kontinuierliche Unterstützung von Projekten zur polnischen Kultur in Deutschland – hier bleibt die Hoffnung, ein Antrag auf zusätzliche Mittel könnte den Medien der Polonia zugutekommen.

Unsichtbar? Aktiv!

In seinem Buch „Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland“ beschreibt Peter Oliver Loew die Geschichte der unsichtbaren polnischen Minderheit vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart. Seit Jahrhunderten leben und arbeiten Polen in Deutschland, pflegen die Kultur ihres Herkunftslandes und respektieren zugleich das Land, in dem sie leben. Wenig „sichtbar“ vielleicht, aber sehr geschätzt in ihrem Umfeld sind „unsere“ Ärzte, Ingenieure, Krankenschwestern, Handwerker, Künstler und viele andere deutsche Bürger polnischer Herkunft. Um eine professionelle Aktualisierung der Geschichte der Polen in Deutschland bemüht sich Jacek Barski mit seinem Projekt „Porta Polonica“ (www.porta-polonica.de/pl), das im Kontext der Gemeinsamen Erklärung zum 20. Jahrestag des Vertrages entstand.

Im Rahmen ihrer Möglichkeiten organisiert die Polonia in Deutschland zahlreiche Konferenzen, Kongresse, Symposien, Festivals und Feste, Konzerte, Ausstellungen und Galaveranstaltungen. Auf diese Weise präsentieren die Menschen der Polonia ihre Kultur und ihr Engagement im Namen eines Dialogs der Kulturen mit dem Land, in dem sie leben. Wichtige Zentren der Polonia finden wir unter anderem in Berlin, Hannover, Hamburg, Köln, Aachen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Darmstadt und München. Über die verschiedenen Veranstaltungen der Polonia informiert das zweisprachige Portal Polonia Viva (www.polonia-viva.de).

In aller Kürze möchte ich auf eine Veranstaltung verweisen, der ich mich persönlich verbunden fühle und die zu den wichtigen Kulturveranstaltungen gehört, die regelmäßig im Zusammenhang mit der Verleihung des Karlspreises stattfinden. Es ist die jährliche Gala der Polonia anlässlich der Verleihung des europäischen „Polonicus“-Preises – gleichfalls in Aachen. Bislang ehrte die Polonia 28 Persönlichkeiten aus Polen und Deutschland, die sich in herausragender Weise für das politische, gesellschaftliche oder kulturelle Leben verdient gemacht haben (unter anderen: Krystyna Janda, Claudia Pieper, Angelica Schwall-Düren, Gesine Schwan, Leszek Balcerowicz, Priester Stanisław Budyń, Karl Dedecius, Basil Kerski, Thorsten Klute, Piotr Małoszewski, Jan Miodek, Władysław Miodunka, Erzbischof Alfons Nossol, Andrzej Wajda). Für die Jury von Bedeutung waren auch Kulturzentren – so etwa das Restaurant „Gdańska“ in Oberhausen, der Verein „Polonica“ in Köln, der Bund der Polen in Deutschland, die Vereinigung „Polnische Gemeinschaft“ in Warschau sowie der Fernsehsender Telewizja Polonia. Bei dieser Gelegenheit kann ich bereits die Einladung aussprechen, an der neunten „Polonicus“-Gala teilzunehmen – am Samstag, dem 6. Mai 2017.

Meine Überlegungen zur Polonia möchte ich mit der Paraphrase einer Aussage von Norman Davies – dem „Polonicus“-Preisträger von 2011 – resümierend beschließen: „Die Polen sollten stolz sein auf das Land, in dem sie leben, und die Deutschen sollten stolz sein auf ihre Bürger polnischer Herkunft.“

Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein

Wiesław Lewicki

Polonia-Aktivist, 2009–2013 Vorsitzender des Kongresses der Polonia in Deutschland, Präsident des Europäischen Kultur- und Medieninstitutes „Polonicus“, Initiator des „Polonicus“-Preises für Personen, die sich um die Polonia verdient machen, lebt in Aachen.

Artikel ist in Deutsch Polnischen Zeischrift DIALOG  Nr 118 (042016-2017) publiziert

 

 

 

 

 

 

 


 


                   

 

 

 

 

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