Ihr sollt das Buch lesen. Es lohnt sich allemal! Und das sagt jemand, der auf die Worte „Ein langes Interview“ allergisch, mit Abscheu und Übelkeit, reagiert. Auf Czesław kann man nicht allergisch reagieren. Bei dem Buch geht es um eine ehrliche Geschichte eines Menschen, der zu einem Teststreifen für unsere Toleranz, für Anderssein, für andere Akzente oder Meinungen geworden ist. Es wird immer mehr solche Menschen geben, ob es uns gefällt oder nicht. Es ist ein spannendes Buch im Kontext der in Europa stattfindenden  Ereignisse, insbesondere der Phobie gegen die Flüchtlinge, ein kluges und anregendes Buch, ohne Angeberei und Steifheit. Ein sehr lebendiges, lustiges und ehrliches Buch. Dank Jarek Szubrycht, der das Gespräch wunderbar aufgeschrieben hat, wird das Buch zu einer interessanten Reise.

Karolina Korwin Piotrowska

 

Fragmente: ...Menschen schauen mich manchmal an, als ob ich doof wäre. „Er wird wohl nicht besonders intelligent sein, wenn er so viele Grammatikfehler macht. Es fällt ihm bestimmt schwer, sich auf Polnisch auszudrücken, weil er schon so lange im Ausland lebt. Einfach ein Blödmann“. Ich habe einen Bierbauch, verliere meine Haare, sehe nicht wie ein Pole aus einem Bilderbuch aus. Ich mache Fehler und bekenne mich dazu. Aber wisst ihr was? Es ist ein Magnet, welches Frauen magisch anzieht. Ich habe mich nie dafür geschämt, ich selbst zu sein – ein Rotzbengel mit einem Akkordeon. Ich bin in Kopenhagen großgeworden, hat mich dennoch keinen einzigen Tag als Däne gefühlt. Meine Eltern haben mich polnisch erzogen, es ist eher ein Zufall, dass wir in Dänemark gelebt haben. Erst während meiner Besuche in Polen habe ich erfahren, dass ich eigentlich kein richtiger Pole bin, da ich irgendwie anders spreche und mich anders benehme. Es gibt Menschen, die meine bloße Existenz für eine Provokation halten und sich in meiner Gesellschaft sichtlich nicht wohl fühlen: „Wer ist er eigentlich? Ein Künster? Ein Clown? Ein Produkt der Medien?“ – ich bin einfach ich und es ist keine einfache Aufgabe.

...Bei mir zu Hause hat niemand weder auf Polen noch auf Dänemark geschimpft, und es ist sehr wichtig. Meine Tante hat manchmal über die türkischen Einwanderer gemeckert. Ich erklärte ihr dann, dass sie einfach versuchen, in Dänemark zu leben, weil sie es in ihrer Heimat sehr schwer hatten. Häufig antwortete sie darauf: „Czesław, denkst du etwa, dass es einfach war, im Kommunismus zu leben?“ Bestimmt nicht, aber diese Litanei der nationalen Unglücke, diese Aufteilung in Bessere und Schlechtere bringt gar nichts. Ich verstehe nicht, dass Polen, die ihr Land verlassen haben auf Unterstützung anderer Nationen hoffen, und wenn Menschen, denen es wirtschaftlich, sozial oder politisch viel schlechter geht, nach Polen kommen möchten, dort auf kein Verständnis stoßen…

...In Polen kennt sich jeder mit allem aus, angefangen von Sport bis zu Politik und der schöngeistigen Literatur, laut zu sagen, dass man von etwas nichts gehört hat, führt zu einer Schande und Taktlosigkeit. „Wie, du hast Gombrowicz nicht gelesen? Du solltest es lieber nicht zugeben!“  Warum sollte ich dazu nicht stehen?  Dass ich weder Gombrowicz noch Schulz gelesen haben bedeutet doch nicht, dass ich nichts Interessantes zu sagen hätte. Ich habe übrigens versucht, Schulz zu lesen, aber es ist zu schwer...

...Da ich nie für eine längere Zeit Kontakt zu Polen unterbrach, ist das Land für mich nie zu einem fremden Land geworden. Es gibt allerdings auch dort Sachen, die ich nicht kapiere – irgendwelche Dokumente, z. B. ZUS (Anm. des Übersetzers: Polnische Staatliche Sozialversicherung).... Ich erhalte von dort einen Brief und bin richtig gestresst, da ich absolut nicht weiß, worum es geht. Ich verstehe nichts davon und muss jemanden um Hilfe bitten. Solange mir keiner diesen Brief erklärt hat,  fühle ich wie in der Schule, als ich die Mathe-Hausaufgaben nicht gemacht habe.

...Dass in Polen eine Gruppe Menschen lebt, die aus verschiedenen Gründen asozial sind, bedeutet doch nicht, dass ganz Polen so ist. Es ist ein großes Land, mit vielen Bewohnern und jeder hat Recht auf eigene Meinung, dazu gibt es doch Demokratie. Solange man dadurch anderen keinen Schaden zufügt. Ich möchte in einem Land leben, in dem meine Sprache kein Grund für Hates oder Aggression ist. Ich habe einen Pass des Bürgers dieses Landes, ich fühle mich als Pole, bin katholisch und möchte nicht, dass jemand auf der Schale wiegt „wievel Polen in Mozil steckt“.

...Menschen, die der Meinung sind, dass man kein richtiger Pole ist, wenn man nicht mit der Nationalfahne am 11. November marschiert, jeden Sonntag nicht in die Kirche geht oder ein in vitro-Kind haben möchte, machen mich traurig. Woher kommen diese Menschen und warum denken sie, dass sie ein Patent auf das Polentum besitzen? Ich möchte es verstehen. Ich kann nicht ruhig zusehen, wenn die Neonazis zu Stunde W (Stunde W bedeutete den Beginn des Warschauer Aufstands, Anm. des Übersetzers) mit Fahnen marschieren, als ob sie vergessen hätten, dass vor 70 Jahren ihre Großväter gegen genau solche Menschen kämpften.

[Czesław Mozil, Jarek Szubrycht „Nie tak łatwo być Czesławem”, oprawa miękka, liczba stron: 320, wydawnictwo: Otwarte, rok wydania: 2015]

 

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