Über Muttersprache wird nicht viel gesprochen, da man sie einfach verwendet. Wir machen uns kaum Gedanken darüber, warum die Muttersprache zwangsläufig die Sprache der Heimat bedeutet. Heißt sie Muttersprache, weil sie einem von der Mutter bzw. dem Vater beigebracht wurde?

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, insbesondere in Hinblick auf andere Sprachen. Der polnische Begriff „język ojczysty” (wörtlich übersetzt: die Sprache der Heimat) ist sehr patriotisch gefärbt und Patriotismus gehört häufig zu den typischen Eigenschaften der polnischen Bürger. In der deutschen Sprache ist von der Muttersprache, d. h. „Sprache der Mutter” die Rede, denselben Begriff verwendet man in der englischen Sprache („mother tongue”). Sind andere Nationen emanzipierter als die Polen? Experten behaupten, dass Muttersprache die Sprache ist, mit der man zuerst konfrontiert wird. Zu den ersten Begegnungen mit der Sprache gehört auch das Wachsen des Kindes im Mutterleib. So gesehen ist der polnische Begriff „Heimatsprache“ nicht adäquat, da man den zweiten Aspekt, der das Leben eines noch nicht geborenen Kindes beeinflusst - die Umgebung, in der sich die Mutter befindet, nicht berücksichtigt hat. Man weiß heute wie wichtig es ist, mit einem Kind bereits im pränatalen Alter zu sprechen und es beispielsweise mit der Lieblingsmusik der Mutter vertraut zu machen. Wenn wir davon ausgehen, dass ein noch nichtgeborenes Kind auch die Umgebung der Mutter hört, kommen wir zum Ergebnis, dass die Kinder von Auswanderern seit Anfang an von zwei Sprachen beeinflusst werden – sowohl von der Sprache der Eltern als auch von der Sprache des Landes, in dem sie leben.

Es bis heute leider unterschiedliche Meinungen über den Unterricht der Sprache im Kindergartenalter. Da ich in einem bilingualen Haus großgeworden bin weiß ich, wie einfach es ist, sich von der frühen Kindheit an zwei Sprachen anzueignen. Ich kenne allerdings auch Menschen aus bilingualen Familien, die von Anfang an nur in einer Sprache aufgewachsen sind. Unglücklicherweise entscheiden manche Erwachsene, nur eine Sprache zu benutzen, um das Kind nicht zu „zerstreuen“ und sprechen häufig mit ihren Kindern in der Sprache des Landes des Aufenthalts anstatt sich der Muttersprache zu bedienen. Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder bis zum Ende der Pubertät zu den besten und schnellsten „Sprachwissenschaftlern“ zählen. In zweisprachigen Familien empfiehlt man, zu Hause in der Sprache der Eltern zu kommunizieren und außerhalb des Hauses in der Sprache des Landes des Aufenthalts zu sprechen. Diese Art des Kommunizierens bringt hervorragende Resultate, da die Kinder auf diese Weise eine Möglichkeit erhalten, zwei Sprachen korrekt und akzentfrei zu erlernen. Ein Durcheinanderbringen von falsch verwendeten Worten oder ein falscher Akzent kann dazu beitragen, dass Kinder diese Sprachgewohnheiten übernehmen. Bei der ersten Auswanderungswelle handelt es sich häufig um eine Generation, die die Sprache des Landes des Aufenthalts nicht akzentfrei sprechen kann und erst ihre Nachkommen haben eine Chance, die Sprache des Aufenthaltslandes wie Muttersprachler zu sprechen.

Die Kinder eignen sich alle neuen Sprachen mit einer Einfachheit an, die der Einfachheit, mit der sie Unmengen von Süßigkeiten verspeisen können, gleicht.

Um die Zweisprachigkeit zu fördern hat das Polnische Außenministerium durch das Generalkonsulat in New York am 13. September den Polonia Tag der Zweisprachigkeit eingeführt. „Der Tag der Zweisprachigkeit“ ist eine Fortsetzung der Aktion „In unserem Haus spricht man Polnisch“, die außer den USA auch schnell in Italien, Großbritannien, Australien, Kanada und Holland durchgeführt wurde. Die Initiatoren „des Tages der Zweisprachigkeit“ möchten Eltern und Erzieher der außerhalb Polens lebenden Kinder auf ihre Pflicht hinweisen, diesen Kindern die polnische Sprache beizubringen. Es ist notwendig, damit die polnischen Familien im Stress des Alltags nicht vergessen, wie wichtig die Muttersprache und dessen Potential für die Zukunft der im Ausland geborenen Kinder ist. Meinen Eltern gelang es, mich zum Abendunterricht an der Schule bei der Polnischen Botschaft (heute Konsultationspunkt bei der Polnischen Botschaft in Berlin) zu überreden.

Ich beschloss, eine bilinguale Europaschule (Deutsch-Polnische Robert-Jungk-Oberschule) in Berlin zu besuchen, um so mein Interesse für die polnische und die deutsche Sprache zu verbinden. Diese Art von Schule bietet einen sehr guten bilingualen Unterricht sowie eine Möglichkeit eines polnischen Abiturs an. Aufgrund meiner Erfahrung und der Erfahrungen meiner deutsch-polnischen Schulfreunde bin ich der Meinung, dass für den größten Impuls für das Erlernen der Muttersprache die Eltern gesorgt haben. Heute kann ich selbständig entscheiden, in welchem Land ich leben bzw.- arbeiten möchte. Der berühmte polnische Sprachwissenschaftler und gleichzeitig der Schirmherr „Des Tages der Zweisprachigkeit“ - Professor Jan Miodek ist der Meinung, dass Menschen, die ihr Herkunftsland verlassen haben, zwangsläufig zweisprachig werden, was ein Riesenkapital sowohl in sprachlicher als auch in intellektuell-kulturellen Hinsicht bedeutet. Man soll den Kindern dieses Kapital nicht wegnehmen, gute Kenntnisse der Muttersprache können doch dazu beitragen, eine interessante Arbeit in Mittel- oder Osteuropa zu finden. Professor Miodek zitiert häufig den Satz von Johann Wolfgang Goethe: „ Du hast so viele Leben, wie du Sprachen sprichst“.

Der Tag der Zweisprachigkeit zieht immer größere Kreise, vor kurzem haben sich dieser Aktion auch Polen in der Ukraine (Winnica) angeschlossen. Es lohnt sich, diesen insbesondere für die jungen Polen wichtigen Tag im Kalender der Polonia-Ereignisse zu vermerken (er fällt stets auf den zweiten Samstag im Oktober), vielleicht sollte man ihn auch in Deutschland feiern?

 

Studentin der Interkulturellen Germanistik an der Universität Viadrina und der Adam- Mickiewicz-Universität in Poznań

Zuzanna Lewandowski

 

 

 

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